Jacques Piccard war voller Hoffnung: Vielleicht, so notierte er 1958, würde "eine solche Tat" endlich "die Aufmerksamkeit auf dieses nahezu vernachlässigte Reich des Meeres lenken". Wenig später, am 23. Januar 1960, zwängte sich der damals 37-jährige Schweizer in die Stahlkabine seines U-Boots Trieste. Gemeinsam mit dem amerikanischen Marineleutnant Don Walsh tauchte er im Marianengraben des Pazifiks an den tiefsten Punkt der Meere, auf 10916 Meter. Nie zuvor und nie mehr danach ist ein Mensch in diese Tiefe vorgedrungen. Die Pioniertat machte Piccard zur Legende. Und seine Hoffnung erfüllte sich. Die von ihm entwickelte Technik legte den Grundstein für die moderne Meeresforschung.

Dabei hatte sich Jacques Piccard zunächst nicht sonderlich für die Tiefsee interessiert. "Ich wollte eigentlich nur meinem Vater helfen", erinnert er sich in einem Gespräch am Genfer See im vergangenen Winter. Ende der vierziger Jahre studierte er Wirtschaft und Geschichte in Triest. Sein Vater, der Physiker und Erfinder Auguste Piccard, entwickelte ein Tauchboot, das extremem Wasserdruck standhalten sollte, um die noch kaum bekannte Tiefsee zu erkunden. Als er in Geldnot geriet, trieb Jacques Sponsoren im reichen Triest auf.

Gemeinsam tauchten die Piccards mit der Trieste erstmals 3000 Meter tief ins Mittelmeer, machten weltweit Schlagzeilen – und weckten das Interesse der amerikanischen Navy. Mitten im Kalten Krieg witterten die Amerikaner die Chance, als Erste den tiefsten Punkt der Erde erreichen zu können. Die Navy kaufte die Trieste und gewährte Jacques Piccard das Recht, besondere Unternehmungen leiten zu dürfen – so wie den spektakulären Tauchgang in den Marianengraben.

Immer wieder wird Jacques Piccard später gefragt, ob er keine Angst hatte vor dem ungeheuren Abenteuer. Seine Antwort im vergangenen Winter: "Wir hatten diesen Moment doch fünf Jahre lang vorbereitet. Außerdem ist es viel gefährlicher, über die Straße zu gehen, als so tief zu tauchen. Ich würde es jederzeit wieder tun." Doch dann zählt er auf, welche Risiken ihn erwarteten: Bombenreste am Meeresgrund, Strömungen, die das U-Boot gegen Felswände schmettern konnten, und die Gefahr, im Meeresboden stecken zu bleiben. Auf halbem Weg nach unten wird die Trieste tatsächlich von einer Explosion erschüttert. Erst später sehen Piccard und Walsh, dass ein Fenster Risse bekommen hat. Sie tauchen dennoch weiter und setzen nach viereinhalb Stunden auf dem Meeresboden auf. Im Lichtkegel vor ihnen: ein Plattfisch und eine Garnele. "Das war der Beweis, dass es im gesamten Ozean Leben gibt", erinnert sich Piccard.

Die Trieste bleibt nicht das einzige U-Boot, mit dem Jacques Piccard die Welt unter der Wasseroberfläche erobert. Das nach dem verstorbenen Vater benannte Touristenboot Auguste Piccard taucht 1964 erstmals auf den Grund des Genfer Sees. Im U-Boot Benjamin Franklin erkundet Piccard 1968 einen Monat lang den Golfstrom. Zuletzt konstruiert er 1979 die F. A. Forel, unternimmt mit ihr bis ins hohe Alter Tauchgänge im Genfer See und gründet eine Stiftung zum Schutz der Meere und Seen.

Heute setzt sich der Forschergeist der Familie fort. Piccards Sohn Bertrand hält den Rekord für den weltweit ersten Nonstop-Ballonflug um die Erde. Sein neuester Plan: die Erdumrundung mit einem Solar-Segelflugzeug.

Kurz vor seinem legendären Tauchgang sinnierte Jacques Piccard über den ihm eigenen Forscherdrang. "In uns allen steckt wohl eine treibende Kraft, die uns nicht ruhen lässt, solange wir noch einen Schritt weiter gehen können", notierte er 1958. Diese Kraft hat Jacques Piccard bis zu seinem Tod begleitet. Am vergangenen Samstag ist er im Alter von 86 Jahren in seinem Haus am Genfer See gestorben.