Als sich am vorigen Donnerstag mehr als 400 Museumsdirektoren, Kulturvermittler und -beamte, Botschafter, Politiker und ein oder zwei Künstler aus Deutschland und Russland zu Füßen des Pergamonaltars auf Berliner Eventstühlen niederließen, war auch die politische Naivität geladen. Sie trug den Namen "Deutsch-Russischer Museumsdialog". Die Organisatoren hatten die aparte Idee, den 50. Jahrestag der Rückgabe jener rund 1,5 Millionen Kunstwerke zu feiern, die nach Kriegsende aus der sowjetischen Besatzungszone gen Russland "verlagert" oder (je nach politischem Geschmack) "verschleppt" worden waren. Es handelte sich um Beutegut im Stil jener Jahre – immer noch besser als die willkürliche Erschießung von 100.000 besiegten Deutschen, die Stalin in Jalta vorschwebte. Rund fünf Millionen Kunstgegenstände, zahllose Bücher und kilometerlange deutsche Aktenbestände lagern noch in Russland.

In der ersten Stuhlreihe hatte man seltsamerweise einen Eisschrank platziert, in dem die seelischen Restbestände des Kalten Krieges fröstelten. Auch er hatte einen Namen. Der Eisschrank hieß Valentin Falin. Der 82-Jährige war von 1971 bis 1978 sowjetischer Botschafter in der Bundesrepublik, den Deutschen mit brennender Hassliebe zugetan, ein ehemaliger Entspannungsprophet, dem die eigene Politik inzwischen sehr leidtut. Heute ist er ein museales Exponat des russischen Nationalkommunismus, der – so Gorbatschows Berater Wadim Sagladin – im Herbst 1989 seinem obersten Dienstherrn vorschlug, die russischen Panzer in der DDR rollen zu lassen.

Als 1991 der Moskauer Augustputsch gegen den Perestrojka-Helden missglückte, zog sich Falin nebst junger Frau und Pudel ins Exil zurück: zuerst nach Hamburg, mit freundlicher Unterstützung von Rudolf Augstein. Mit Gorbatschow war er fertig. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt kam er wieder aus Russland nach Berlin. Der Pudel ist inzwischen so tot wie die Perestrojka- und Glasnost-Ära Gorbatschows, und Falins roter Stern leuchtet wieder, wenn auch matt.

Eine schöne Geschichte: 300 russische Güterwaggons mit über 1,5 Millionen Kunstwerken aus deutschem Besitz waren zwischen September 1958 und Januar 1959 in die DDR gerollt, auch der Pergamonfries gehörte dazu. Schon drei Jahre zuvor waren 600.000 Exponate und Artefakte der Dresdner Galerien aus Moskau und Kiew heimgekehrt – eine Morgengabe des großen "Brudervolkes" (Bert Brecht) zum Beitritt der DDR in den Warschauer Pakt.

Die Ostasiatika-Sammlung aus Berlin ruht in einer begehbaren Kiste

Die Mitglieder des Moskauer Ministerrats und des Zentralkomitees der KPdSU hatten früh erkannt, dass derlei gütige Gesten strategisch sinnvoll sind: Die Laune des Paktpartners DDR musste gepflegt werden, zumal Gomulkas polnische Tauwetter-Politik einige deutsche Genossen zu inspirieren drohte, von den ideologischen Nachwirkungen des niedergeworfenen Ungarnaufstands von 1956 ganz zu schweigen.

Es waren Glückstage der deutschen Museums- und Kulturgeschichte – unverdient, könnte man denken angesichts der mörderischen Raubzüge der deutschen Besatzungsmacht in der Sowjetunion, großherzig angesichts der ungeheuren russischen Weltkriegsopfer von mehr als 20 Millionen Menschenleben. Und die sind in Russland unvergessen. Wer durfte sich da wundern, wie zum Beispiel der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, als er vor acht Jahren in einem Ballsaal der Petersburger Eremitage die prachtvolle Berliner Ostasiatika-Sammlung in einer begehbaren Riesenkiste (Baujahr 1945) entdeckte, in wilhelminischen Originalkommoden – also war sie doch nicht im "Flakturm II" der Hauptstadt während der letzten Kriegsmonate verbrannt, sondern gen Osten "verlagert" worden wie Schliemanns Gold aus Troja, wie die Merowinger-Sammlung und wie die ungezählten Kunstgegenstände, die europäischen Juden gehörten, ehe die Besitzer von den Nazis bestohlen und ermordet wurden: Manche kostbaren Nachlässe lagern nun in russischen Depots und Archiven.