Die Morgenröte streckt rosa Finger über die scharf gegen den Himmel abgesetzten Bergkämme von Beinn an Eoin und Sgurr an Fhidhler. Im Norden rollen weiße Wolken über den Suilven, ein rohes, einsam aus dem Moorland aufragendes Felsmassiv. Die Wolken sind Vorboten von Ostwind. Im Westen ziehen zarte Nebelbänke einen filigranen Schleier zwischen den Inseln hindurch, die eine Schöpferlaune wie Würfel in eine tief in das Bergland hineinzüngelnde Bucht streute. So gebärdet sich die Landschaft an diesem Morgen in den Bergen hinter unserem Haus. Auftakt für einen neuen Herbsttag. Ich pfeife nach meinen Hunden, die Moorhühnern und Schnepfen nachstellen. Wir gehen die peat road hinauf, den alten Weg in die Torfstiche.

Seit 30 Jahren lebe ich an der Westküste des Schottischen Hochlandes und blicke auf dieselbe Landschaft. Nie ist sie gleich. Schottland ist Licht. Jeden Tag leuchtet es anders, jeden Tag ist es neu. Nie kann man sich an ihm satt sehen. Ein andauerndes Wunder, bewirkt durch eine Sonne, die im Sommer eine zwanzigstündige, im Norden beginnende und im Norden endende Ellipse über den Himmel beschreibt und im Winter nur wenige Stunden flach über den südlichen Horizont kriecht. Und durch den Regen, den schottischen Regen, ohne den die Halbinsel ziemlich uninteressant wäre.

Vor vielen Jahren bereiste ich das herbstliche Hochland in meinem alten Landrover mit dem französischen Fotografen Yves Gellie. Gellie war in Afrika aufgewachsen und an täglichen Sonnenschein gewöhnt. Er mochte Landrover, die kannte er aus Afrika. Aber den Regen? Graupel und Hagelschlag stürzten aus grauen Wolkenbergen. Zuerst dachte er: Wie kann man in diesem schrecklichen Land fotografieren? Dann blitzte irgendwo die Sonne durch und belichtete das nasse Land. Die Heide blühte dunkellila, der Farn begann goldgelb zu welken, dazwischen variierten die Moorgräser alle vorstellbaren Grün- und Gelbtönungen. Lichtstrahlen brachen sich an den frischen Regentropfen, die an Gräsern und Zweigen hingen und wie tausend Diamanten glitzerten. Gellie verfiel in eine Dauerekstase.

Auch mir raubt das Licht noch heute manchmal die Sinne. Es gibt Zeiten im Herbst, da wälzen sich den ganzen Tag über graue Wellen aus der unendlichen Weite von Wasser und Wolken durch die Bucht vor unserem Haus. Sie steigen an den Klippen auf und bleiben, bevor sie bersten, einen Moment lang wie festgefroren in der Luft stehen. Manchmal bläst der Sturm so hart, dass die Gischt abhebt und rasend über das Land fegt. Schaut dann die Sonne irgendwo zwischen den Wolken hervor, beginnt die Gischt göttlich zu leuchten.

Das Licht des Nordens ist eine Summe. Es ist das Licht der vom Atlantik über das Land rollenden Wolkenbänke, das Licht der Moore, es ist das Licht feuchter Felsen und das Licht der Heide. Zusammen bringen sie Farbenspiele hervor, wie ich sie sonst nirgendwo erlebt habe. Das Licht ist im Übrigen auch das Geheimnis des schottischen Tweeds, dieses einzigartigen Stoffes, der die Farben rotgoldener Moore, brauner Bergseen, grauer Felsen und der dunkelgrünen Atlantikwellen in Karos verwebt und dem aufgeregten Miteinander von Regen und Sonne eine strenge Form gibt.

Diesem Licht folgen Künstler schon seit Jahrhunderten. Felix Mendelssohn Bartholdy reiste im Sommer 1829 nach Schottland. Seine berühmte Schottische Sinfonie beginnt mit ruhelos dahinhuschenden Schatten, flirrig und flitternd, unter die sich untergründig wie dunkle Flecken in der Landschaft eine Klarinettenmelodie mischt – ein Lichtspiel in Tönen. So jedenfalls höre ich sie. Seine von einer Bootsfahrt an der Westküste inspirierte Hebriden-Ouvertüre beginnt nicht mit einer Melodie, sondern mit einem Ausblick, einer plötzlichen Aussicht, die sich weitet, wiederholt und entfaltet. Es ist eine durch und durch bildhafte Musik.

Der österreichische Maler Oskar Kokoschka reiste zwischen 1929 und 1969 viermal in den hohen Norden. Er malte einige seiner lichtfrohsten und zugleich tiefgründigsten Gemälde in der Nähe meines Zuhauses. Auf einem Bild stürzt eine überlebensgroße gelbe Ente in eine in hellen Gelb- und Grün- und Blautönen schillernde Küstenlandschaft. Ein anderes, in der kleinen Hafenstadt Ullapool begonnenes Ölbild zeigt ein grün-rotes Durcheinander von Sonne und Wolken. Der einsetzende Sturm zwang den Maler, seine Staffelei einzupacken und das Bild in London anhand von Skizzen fertigzustellen. Kokoschkas Schottland ist kein Idyll, sondern ein irisierendes Flimmern mit düsteren Untertönen.