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Eigentlich hatte ich bis zum Einfall der Nacht in Miravete sein wollen, dem kleinsten Dorf des Maestrazgo, einer Gegend im Südosten der spanischen Region Aragón. Doch dann wurde am Nachmittag der Regen stärker und die Straße immer kurvenreicher. Ein finsterer Himmel stieß an hoch aufragende Felswände, der Wagen tauchte in Wolkenfetzen, aus dem Fenster fiel der Blick hinab in die Schlucht des Rio Pitarque. Die Strecke war spektakulär, brauchte aber ihre Zeit. Darüber ist es dunkel geworden. Als ich Miravete erreiche, ist es halb neun Uhr abends und seit einer halben Stunde Nacht.

Eine Multimedia-Kampagne hat Miravete landesweit als pueblo-en-el-que-nunca-pasa-nada beworben, als Dorf-in-dem-nie-irgendetwas-passiert. Deshalb bin ich hier. Der Ort hat kaum ein Dutzend Straßen. Dafür den Guadalope. Um in den Dorfkern zu gelangen, muss man das Bächlein überqueren. Für Autos gibt es eine Furt, aber deren Tiefe ist im Regen schwer abzuschätzen. Ich lasse den Wagen stehen, ziehe mir den Anorak über und benutze das Fußgängerbrückchen. Im Hostal Casa del Cura habe ich ein Zimmer reserviert. Das "Pfarrhaus" ist leicht zu finden. Aber die Tür ist verschlossen. Ich hämmere mit dem eisernen Türknauf. Keine Reaktion. Irgendwann gebe ich auf. Hinter der Kirche entdecke ich ein erleuchtetes Fenster. Ich klingele, ein alter Herr öffnet. "Das Hostal betreut Maribel", sagt er, "die sitzt bestimmt zu Hause. Ich sage Ihnen, wie Sie hinkommen."

Zurück über die Brücke, in den Schuhen die erste Feuchtigkeit, am Auto vorbei, zweite Gasse links. Gefunden. Licht in den Fenstern, der Fernseher läuft. Aber niemand macht auf. Ich überquere erneut die Brücke, finde das öffentliche Telefon auf dem Dorfplatz, werfe mit klammen Fingern Münzen ein und wähle die zwei Kontakt-Telefonnummern der Casa del Cura. Niemand hebt ab. Wieder überquere ich die Brücke, nehme den Wagen und fahre nun direkt bei Maribel vor. Ich hupe. Nichts rührt sich. Halb durchgeweicht gebe ich auf. Auch in Villaroya, dem letzten Ort vor dem Abzweig nach Miravete, gibt es eine Herberge. Dort erzähle ich der Wirtin von meiner Pechsträhne. Sie schüttelt den Kopf, greift zum Telefon und ruft noch einmal an. Diesmal hebt jemand ab. 15 Minuten später überquere ich wieder die Brücke. Maribel wartet in der Casa del Cura. "Wenn Sie noch etwas essen möchten, kommen Sie am besten zu meinem Mann und mir nach Hause."

Verschlafener kann ein Dorf kaum sein. Miravete liegt inmitten eines entvölkerten Hochlandes, abseits der Durchgangsstraßen. Vielleicht hat die Isolation dazu beigetragen, dass das Dorf aussieht wie leicht aus der Zeit gefallen mit seinem Steinbrückchen aus dem Mittelalter, dem Brunnen auf dem grob gepflasterten Dorfplatz, den gedrungenen Häusern aus riesigen Steinbrocken, die sich einen Burghügel ohne Burg hinaufziehen. In Miravete gibt es gerade mal zwölf ständige Bewohner, ihr Altersdurchschnitt liegt deutlich oberhalb der Rentengrenze. Hier geschieht schon aus Mangel an Bevölkerung den lieben langen Tag so gut wie gar nichts.

So wenig jedenfalls, dass Miravetes Internetseite ganz offiziell den Namen trägt: elpuebloenelquenuncapasanada.com. Darauf ist allerdings niemand aus dem Ort gekommen, sondern eine Werbeagentur aus Madrid. Die hat die Seite überhaupt erst hochgezogen und dann gleich eine ordentliche Kampagne drum herum gestrickt, mit verschiedenen Fernsehspots, einer Spendenaktion für das marode Ziegeldach der Kirche und mit Kunstharzpuppen der zwölf sesshaftesten Einwohner als Merchandising-Artikel. Natürlich kann sich ein so kleines Dorf so eine fette Kampagne gar nicht leisten. Aber siehe, es bekam sie geschenkt: und zwar vom spanischen Verband der Pay-TV-Kanäle. Der wollte beweisen, dass auch Werbeaktionen, die exklusiv im Bezahlfernsehen laufen, Erfolg haben können. Um diesen Erfolg messbar zu machen, bediente man sich des unbekannten Dörfchens Miravete. Erst sechs Wochen nach Kampagnenbeginn trat der Geldgeber im Oktober aus dem Schatten – mitsamt einer begleitenden Fallstudie. Dieser Studie zufolge stieg Miravetes Bekanntheitsgrad in Spaniens sprunghaft um 489 Prozent.

In der Casa del Cura bin ich trotzdem allein. Zugleich bin ich – geben wir es zu – ein Beweis für den Erfolg der Kampagne. Dem letzten Wirt der Herberge hat sie allerdings nichts mehr genützt. Er gab nach einem Jahr ohne nennenswerte Buchungen auf – kurz vor dem Start der Internetseite. Provisorisch kümmert sich jetzt Maribel um das Hostal. Sie stammt aus Murcia und ist mit Miguel verheiratet, einem Rückkehrer, der nach 18 Jahren in Paris und 15 Jahren in Barcelona nun wieder im Dorf seiner Kindheit lebt, wo er ein paar rustikale Neubauprojekte und eine Windkraftanlage voranzutreiben versucht. Maribel, Anfang 40, blond und von der farbigen Bluse bis zu den Pumps auffallend gut gekleidet für den ländlichen Rahmen, würde die Casa del Cura gern übernehmen. Aber plötzlich liegen noch sieben Bewerbungen von außerhalb vor. In der nächsten Gemeindeversammlung darf nun jeder gemeldete Mitbürger die Stimme an seinen Wunschkandidaten vergeben.

Bis zur ordentlichen Übernahme des Hostals gibt es dort nicht einmal Frühstück. Maribel verweist auf die Bar des Ortes. Auch die hat erst seit wenigen Monaten einen neuen Pächter, nachdem der vorherige Betreiber aus Kundenmangel weggezogen war. Antonio und Rosa, die Neuen, sind mit ihren Ende 30 nicht nur das bei Weitem jüngste Paar in Miravete, sondern haben auch die einzigen beiden Kinder des Dorfes zu bieten. Zum Frühstück bestelle ich Baguette mit Schinken und Käse, erst recht nach Antonios Ansage "Marmelade und solche Sachen haben wir nicht". Zugleich stelle ich sicher, auch zum Mittag und Abend versorgt zu werden. Die einzigen Personen, die sich später außer mir zum Essen niederlassen, sind Antonio, Rosa und die Kinder – gleich nachdem der Gast versorgt ist. Neben der Bar unterhalten die beiden noch einen Lebensmittelladen, und sie vermieten die drei Touristen-Appartements des Ortes. Nur so kann die Rechnung aufgehen. Dabei befinden sich Bar, Laden, Appartements und Hostal sämtlich in Gemeindebesitz. Der Bürgermeister bezieht für jede kommunale Anstrengung, die dem Überleben des Dorfes dient, EU-Subventionen. Anders wären Bar und Laden kaum aufrechtzuerhalten.

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Ich warte auf die hora punta, die "Stoßzeit" in Miravete. Dem Internet zufolge liegt sie um elf Uhr morgens, wenn frisches Brot im Ort eintrifft. Was das Internet nicht verrät: Der Brotwagen kommt nur zweimal wöchentlich. Und heute, am Freitag, kommt er nicht. Ich stöbere stattdessen Cristóbal auf, den 86-jährigen Star der Kampagne. Er hat am meisten Text in den Fernsehspots, ist im Netz die Hauptfigur und moderiert jeweils ab mit einem charmant dahingezuckelten "…el-pueblo-en-el-que-nunca-pasa-nada-punto-com". Er sagt auch den hübschen Satz: "Hier vergeht die Zeit nicht einmal, wenn man die Uhr vorstellt." Ob der Satz tatsächlich von ihm stammt oder vielmehr von der Werbeagentur, darüber gehen die Meinungen auseinander, wobei Cristóbal meint: "Ist von mir!" Fest steht, dass der Satz gut zu seinem schalkhaften Wesen passt. Cristóbal trägt wie die meisten alten Herren des Dorfes eine Strickweste und ein kariertes Hemd; außerdem einen Stock und eine Mütze des spanischen Fernsehens TVE. Die blieb bei Dreharbeiten für ihn übrig.

Leicht amüsiert nehmen die Dorfbewohner das Medieninteresse zur Kenntnis. Es durchbricht den Alltag. Ärgerlich findet Cristóbal nur den leichtfertigen Umgang mit Zahlen. 8000 Kirchendachziegeln seien schon gespendet worden, hieß es neulich im Heraldo de Aragón. Das war eine Null zu viel. "Die Reporterin muss das richtigstellen", sagt Cristóbal. Sonst bekämen die Nachbardörfer womöglich etwas in den falschen Hals. Und man wisse doch, der Neid…

Zu zweit drehen wir eine Runde durch Miravete. Vor einem Haus wird über die Schönheit von Wacholderholz geredet. Anderswo zeigt jemand stolz einen halb vollen Eimer frisch aufgelesener Walnüsse vor. Der 80-jährige Timoteo erinnert angesichts der jüngsten Regenfälle an die legendäre Überschwemmung des Ortes vor 93 Jahren, die sogar ein paar Weinfässer aus der Kneipe spülte. Als wir mit Cristóbals Bruder Faustino vor der alten Getreideschwinge plaudern, kommt Josefa nebenan aus einem Schuppen, in der Hand einen Apfel, der frische Kaninchenbisse aufweist. Der Obstvorrat ist bedroht. Sie trottet nach Hause, kehrt aber wenig später noch einmal zurück: "Schaut mal, diese Kartoffel." In der Tat, eine erstaunliche violette Maserung, das müssen wir zugeben.

Zwischendurch erzählt Cristóbal vom schweren Leben als Bauer. "Verglichen mit heute", sagt er, "haben wir wenig produziert und viel gearbeitet." Schließlich betreten wir die Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Sie könnte eine Renovierung vertragen. Den Winter über findet der Gottesdienst mit dem Leihpfarrer in einem kleinen, besser beheizbaren Nebenraum statt. Und apropos, sagt Cristóbal: Im Bürgerkrieg sei der Priester geflohen, die Republikaner hätten die Kirche verwüstet und die hölzernen Heiligenstatuen der Schwester des Priesters zum Heizen aufgedrängt. Die habe aber lieber gefroren, als die Heiligen ins Feuer zu schieben.

Cristóbals täglicher Barbesuch findet am Nachmittag statt. Dann wird für eine Weile Karten gespielt. Erst zum Wochenende, wenn allseits Söhne, Töchter und Enkel anreisen, belebt sich die Bar auch abends einmal. Dann schaut auch José vorbei, Miravetes Bürgermeister. Die Woche über arbeitet er als Radiologe in Zaragoza. José ist Ende 40 und Miguels jüngerer Bruder. Seine Mutter brachte vier Söhne zur Welt, dann starb ihr Mann. Sie zog als Stickerin über die Dörfer und schickte die Söhne jeweils mit acht Jahren nach Madrid zur Schule, damit etwas Ordentliches aus ihnen würde.

Am nächsten Morgen gehe ich mit José zur Felsnase über dem Dorf. Er trägt einen dunklen Lacoste-Pullover und eine noch dunklere Ray-Ban, Dinge aus Zaragoza. Über dem Dorf thronte einst eine maurische Burg, die irgendwann an christliche Ordensbrüder fiel. Dann wurde sie geschleift. "In jedem von Miravetes Häusern stecken ein paar Steine aus der Burg", sagt José. Manche glauben, dass sich irgendwo unter der Erde noch eine Krypta der Templer verbirgt. Der Bürgermeister ist skeptisch. Im Vorübergehen zeigt er auf "Miravetes einziges leer stehendes Haus". "Zu viele Erben, die sich nicht einigen", sagt er und hebt gleich stolz hervor, dass sämtliche übrigen Häuser – etwa 70 – genutzt werden. Natürlich: vor allem am Wochenende und besonders im Sommer.

Von den Steuereinnahmen des Dorfes lässt sich angeblich nicht einmal die Stromrechnung für die Straßenlaternen bezahlen. Insofern ist die kostenlose Werbekampagne ein großes Glück. José war der erste Ansprechpartner für die Agentur und lange der einzige Eingeweihte; er versprach die Drehgenehmigung, die Bildrechte und die freudige Mitarbeit der Bewohner. Erst die nächste Saison dürfte zeigen, ob nun nach den Profis auch die Touristen kommen. "Vom nächsten Jahr an", sagt José, "müssen wir selbst für den Unterhalt der Internetseite sorgen. Das kostet 1200 Euro im Monat. Keine Ahnung, wo wir das Geld hernehmen sollen."

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Es ist Samstagmittag. Es sind eine Menge Brotlaibe sowie einige Kinder und Enkelkinder angekommen. Und auch die Internetseite hat frisches Blut nach Miravete gebracht. Auf dem Dorfplatz rühren sich zwei Dutzend Mittzwanziger. Sie haben eine große Trommel, ein Becken und ein Saxofon dabei und machen kräftig Tschingderassa. Sie sind aus Madrid, Guadalajara und Valencia angereist, verabredet via SMS und Mail und mit dem Ziel, "etwas Freude" in dieses Dorf zu bringen. Die Alten, die des Weges kommen, stoßen mit den Jungen an, bleiben einen Augenblick verwundert stehen und gehen dann weiter. Dem Partyprogramm mit "Discomobil", das die feiernde Meute für den Nachmittag vorbereitet hat, bleibt die lokale Bevölkerung weitgehend fern.

Ich nehme den Wagen und fahre durch den Maestrazgo, eine schöne, aber karge Landschaft. Viel blanker Fels, Kiefernwälder, dazwischen schmale Flussläufe, gesäumt von herbstlich gelben Pappeln. In einer Senke liegt die Ruine des Wasserkraftwerks von Aliaga, das Zeugnis einer Industrialisierung, die nie wirklich angekommen ist. Der Maestrazgo gehört zur Provinz Teruel, die vor einigen Jahren, welche Not, mit dem Slogan "Teruel existiert!" auf sich aufmerksam zu machen versuchte. Nicht einmal der Tourismus hat sich für diese zauberhafte Gegend bisher ernsthaft interessiert.

In dieser Nacht allerdings sind alle neun Zimmer der Casa del Cura belegt, überbelegt sogar. Die Partyclique hat sich komplett einquartiert. Der Aufenthaltsraum, zum Flur hin offen, ist zur Karaoke-Bar umfunktioniert worden. Trommel und Becken begleiten jede Darbietung. Maribel liegt jetzt sicher in Ruhe zu Hause, am Rande des Dorfes-in-dem-nie-irgendetwas-passiert. Ich dagegen versuche einzuschlafen zwischen einer improvisierten Diskothek und einem halben Spielmannszug. "Miravete ist der beste Ort, um zu sich selbst zu finden", sagt die Internetseite.

Das Dorf Miravete wirkt wie aus der Zeit gefallen mit den Häusern, die sich den Hügel hinaufziehen

INFORMATION

Anreise: Die nächstgelegenen Flughäfen sind Zaragoza, Tarragona und Valencia

Internetseite:www.elpuebloenelquenuncapasanada.com gibt es nur in spanischer Version

Unterkunft: Die Casa del Cura neben dem Dorfplatz von Miravete hat neun moderat rustikale Zimmer anzubieten. Zu buchen sind sie über die Website oder über die Telefonnummer 0034-978/778288. DZ 50 Euro

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Auch die drei Ferienwohnungen des Dorfes kann man online buchen. Oder man ruft in der Bar an: Tel. 0034-978/778326. Zwischen 60 und 90 Euro pro Nacht

Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 069/725033, www.spain.info

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