Die Piaf und Paris, die Beatles und Liverpool – es gab immer wieder Künstler, deren Wirken mit einer Stadt verknüpft ist. Doch bei kaum einer anderen Person wiegt das Band so schwer wie bei ihm. Die Stadt, in der er lebte und arbeitete, bot ihm kreative Inspiration, die Bewohner waren ihm Anschauungsobjekt und Vorbild im Sinne von Vor-Bild.

Hier, in den Straßen, auf den Wiesen, vor allem aber in den Hinterhöfen, fand er alles, was er brauchte, um der zu werden, der er geworden ist: eine Legende schon zu Lebzeiten. Präsent in Bildbänden und sonstigen Publikationen, oft mit Klischees belegt, die ihm selber vielleicht die Tränen in die Augen getrieben hätten; und dann doch wieder der auch im Kollegenkreis Bewunderte. "Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke", urteilte etwa eine mit ihm eng befreundete berühmte Künstlerin.

Dabei war die Stadt, der er so viel verdankte, gar nicht seine Geburtsstadt. Erst als Neunjähriger war er in der Metropole, die an zwei Flüssen liegt, gelandet. Notgedrungen hatte der verschuldete Vater mitsamt der Familie den Standort wechseln müssen, um den vielen Gläubigern zu entgehen – eine Erfahrung, die den Jungen geprägt hat. Sein Leben lang fühlte er sich von Existenzängsten bedroht. Und blieb daher auch 30 Jahre im sicheren Brotjob – bis man ihm kündigte. Zu dieser Zeit war er 50 Jahre alt und ein bekannter Zeitgenosse; doch obwohl der virtuose Autodidakt all die Jahre über nebenher gut verdient hatte, war ihm der erzwungene Sturz ins freie Künstlerdasein zunächst ein Schock.

Er musste ja auch Frau und drei Kinder ernähren und nahm daher fast jede Auftragsarbeit an, selbst wenn er riskierte, damit seinen Ruf zu beschädigen. Der Schriftsteller T. zum Beispiel nannte eines der Foren, die er belieferte, als "Abschaum unter allen Witzblättern", piefig und niveaulos. Doch ihm war der Blick von oben herab fremd; auch weil er wusste, dass er dort breitere Schichten erreichen konnte als in den Gazetten für die Gebildeten. Schließlich kam er selbst von ganz unten, und seiner Herkunft fühlte er sich verpflichtet: im Werk und darüber hinaus im Engagement für soziale Projekte.

So war und blieb er ein Verbündeter der sogenannten kleinen Leute, misstraute aber allen politischen Parteien.

Erstaunlich, dass man einen wichtigen Teil seines Werkes, den womöglich künstlerisch bedeutendsten, erst lange nach seinem Tod entdeckte. Noch erstaunlicher, dass dieses Œuvre erst vor Kurzem in einer Ausstellung in seiner Wahlheimat gewürdigt wurde. Denn hier konnte man erfahren, wie seine "Vor-Bilder" entstanden waren: indem er, mit damals neuer Technik und hellwachem Blick ausgestattet, seine Stadt durchstreift hatte, ein Jäger des Augenblicks. "Das glaubt ja keiner, was ich alles gesehen habe", sagte er später einmal. Wer war’s?

Wolfgang Müller