Einen Traum sehe ich noch vor mir, als hätte ich ihn gestern gehabt. Dabei liegt er schon lange zurück. Ich träumte, mit einer Band auf der Bühne zu stehen, die ich nicht kannte. Wir spielten einen Song, und ich wusste die Akkorde nicht, die Musiker sahen mich fragend an: Wer ist dieser Typ? Der Bassist drehte sich mit einem Gesichtsausdruck zu mir um, als hätte ich gerade etwas Abscheuliches getan. Als Nächstes erinnere ich mich, wie ich die Zuschauer mich jagten, eine ganze Horde rannte hinter mir die Straße hinunter, weil ich die Akkordwechsel nicht kannte.

Ganz ähnlich erging es mir einmal im realen Leben, als ich mit Dave Mason von der Band Traffic auftrat. Der hatte schon mit Jimi Hendrix und den Stones gespielt, kannte mich nicht besonders gut, erwartete aber große Dinge. Er wollte, dass ich bei einem Stück Orgel spielte. Ich fragte ihn: "Kannst du mir die Noten geben?" Er antwortete: "Ach, du wirst das schon raushören." Ich ging auf die Bühne. Und wusste die Akkorde nicht. Das Stück ging querbeet und machte Wendungen, die man niemals erwartet hätte. Ich hielt mich an einem einzigen Ton fest. Es endete tatsächlich damit, dass ich nur eine einzige Note spielte. Ich erinnere mich noch daran, wie Mason mich ansah. Wie konnte ich ihm nur so etwas antun?

Ein anderes Mal nahmen wir mit Jeff Lynne von E.L.O. Harmoniegesang auf. Ich hatte das noch nie gemacht. Ich habe kein besonders gutes Gehör und daher Schwierigkeiten, präzise die Töne zu treffen. Ich habe immer Don Henley darum gebeten oder Linda Ronstadt, Leute, die es eben können. Lynne und ich standen also da, Tom Petty war auch dabei, hielten uns jeder ein Ohr zu, wie man es tut, wenn man Harmonien singt, und sangen "…they were falling in love". Jeff sah mich an, lachte und sagte: "Okay, lass es uns noch mal machen." Nach dem zweiten Mal sah er mich verwirrt und etwas traurig an. Er schien sich zu fragen: Macht Randy wieder einen seiner Späße? Beim dritten Mal dachte ich, es sei ganz okay. Aber Jeff sagte: "Vielleicht versuchen wir das ein anderes Mal." Dann sah ich ihn nie wieder.

Diese Geschichten erinnern mich an diese Schulträume, die man als Kind manchmal hat: Man muss einen Test schreiben, von dem man nichts wusste, und hat Angst zu versagen. Vielleicht ist mein Vater schuld, der mich nie gelobt hat. Vielleicht kommen diese Träume aber auch daher, dass ich weiß: Für einen Musiker habe ich einfach kein besonders gutes Gehör.

Derzeit habe ich allerdings ganz andere Sorgen. Zu diesem Interview wurde ich im Rollstuhl gebracht. Vor einiger Zeit hatte ich eine Bandscheibenoperation, es tut extrem weh. Trotzdem mag ich den Rollstuhl. Man kann den Leuten in Ruhe ins Gesicht sehen. Normalerweise hat man ja keine Zeit dafür.

Randy Newman, 64, geboren in Los Angeles, ist Sänger, Pianist und Komponist. Er stammt aus einer musikalischen Familie, die insgesamt über 500 Filmmusiken produziert hat. Bekannt wurde er durch sarkastische Songs wie Short People. Zuletzt ist sein Album Harps And Angels erschienen. Eine für November geplante Deutschland-Tournee musste Newman absagen – wegen seiner Rückenprobleme

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Zu hören unter www.zeit.de/audio