Huuch, möchte man ausrufen, Deutschland hat seinen ersten Fernsehsender für Schwule. Timm TV heißt er und ist seit dem vergangenen Sonnabend digital über Satellit und Kabel zu empfangen. Hinter dem Projekt steht die Deutsche Fernsehwerke GmbH in Berlin, an der unter anderem die Verlagsgesellschaft Madsack beteiligt ist. Madsack gehören die Hannoversche Allgemeine und sieben weitere Tageszeitungen in Niedersachsen, dazu 25 Anzeigenblätter . Der Gründer von Timm TV ist Frank Lukas, der bei RTL die vierteilige Schwulensendung anders Trend betreut hat. Frank Lukas bemängelt, dass "Homos" im üblichen Fernsehen meistens "klischeehaft zu sehen sind". Timm TV dagegen garantiere ein "qualitativ hochwertiges Programm".

Man muss es sich ansehen. Und man wird überrascht, allerdings nicht eben angenehm. Das Niveau von Timm TV unterbietet selbst das von RTL, Super RTL und RTL II. Timm ist so glitschig, dass man nur hoffen kann, dass seine Macher auf ihm nicht ausrutschen. Nach einem Wochenende vor dem Schirm – die Sendezeit beginnt täglich um 16.15 Uhr – wird das Ausmaß des schwulen Fernseh-Desasters deutlich.

Zunächst einmal hat Timm TV mehr Vorschau als Programm. Kaum hat man angestellt, wird man unentwegt bebildert und beschallt mit Hinweisen auf Sendungen, die in den nächsten Tagen laufen. Eine Männerstimme sagt Step it up & dance, man sieht dazu Typen auf einer Probebühne beim Tanzen, es erinnert an Chorus Line. Einblocker: Freitag, 20.15 Uhr. Kurz darauf sagt der Mann Manhunt, und man sieht Männer mit Waschbrettbäuchen, die es zu erobern gilt. Einblocker: Freitag, 21.15 Uhr. Kurz darauf hört man Footballer’s Wives, man sieht Männer unter der Dusche und dann ihre Ehefrauen beim Tee. Einblocker: Montag 20.15 Uhr. So geht das weiter und weiter.

Kaum drei von zehn Sendungen sind selbst produziert. Zum Beispiel gibt es Talk Taxi, da begleitet ein Reporter in einer Stretchlimousine schwule Partygänger von Bar zu Bar und Club zu Club. Oder Home check, da werfen zwei (einander fremde) Männer gegenseitig Blicke in die Wohnung des anderen, und wenn die Einrichtung gefällt, spendiert Timm TV ein Abendessen im Kerzenschein bei laufender Kamera.

Ansonsten werden Serien durchs Programm genudelt, die man bereits auf anderen Sendern sehen konnte. Golden Girls, Absolutely Fabulous oder Queer as Folk. Auch die Spielfilme wie Mein Leben in Rosarot oder Prêt-à-Porter sind bekannt, und die politische Dokumentation über den Konflikt zwischen Schwulen und der Kirche in Fulda stammt aus den neunziger Jahren.

Selbst die erste der Coming-out-Stories wirkt in Zeiten, in denen einige deutsche Städte von Homosexuellen regiert werden, nicht eben aufregend. Es geht um Christopher, den smarten, jungen Bürgermeister von West-Sacramento. Christopher möchte sein Privatleben nicht länger im Kleiderschrank führen. Zuerst gibt er sich seinen philippinischen Tanten zu erkennen – und hat natürlich Muffensausen, man möchte ja nicht abgelehnt werden. Die philippinischen Tanten sind jedoch genauso wenig überrascht wie der Zuschauer. Sie sagen: "Christopher, das haben wir uns doch schon immer gedacht." Schließlich stellt er sich im Gemeindehaus vor die Mitglieder und spricht’s auch dort aus. Und, kaum hat er das getan, stehen alle auf und klatschen. Na, geht doch! Sechsmal läuft Christopher mit dieser Nummer bei Timm TV – bis es auch der Letzte gesehen hat.

Timm TV wehrt sich nicht gegen die Klischees, es bedient sie. Glaubt man den Fernsehmachern, dann gibt es nur konsumfreudige, reiche und modebewusste Homosexuelle. Solche, die auch mit 50 noch in Jeans und Tanktop ausgehen und Party machen. Und somit ist Timm TV genauso kommerziell wie inzwischen der Christopher Street Day. Das Programm wirft keine Fragen auf, sondern gibt nur Antworten. Entsprechend sieht die Werbung aus. Der arrivierte Schwule soll Absolut Wodka trinken, sich mit Nivea eincremen, Ford Fiesta fahren und mit Icelandair nach Island fliegen. Auch für Spanien wird geworben. Das sei das beliebteste Reiseziel der Schwulen in Deutschland, der Heterosexuellen übrigens auch.