Marburg

Daheim im Wahlkreis "rumort" es, erklärte die SPD-Abgeordnete Silke Tesch, als sie Andrea Ypsilanti am Montag öffentlich die Unterstützung aufkündigte. Vor Empörung über deren Wortbruch hätten Weggefährten die Partei verlassen; andere habe sie nur mit Mühe davon abhalten können. Was denken Silke Teschs Genossen in Marburg-Biedenkopf nun, da ihre Abgeordnete zusammen mit drei anderen Dissidenten die hochfliegenden Pläne der Landespartei zunichtemachte?

Ruhe jedenfalls ist nicht eingekehrt, auch wenn die örtliche SPD sich nun sehr darum bemüht. Werner Hesse, stellvertretender Vorsitzender von Silke Teschs Ortsverein in der kleinen Gemeinde Breidenbach, gibt dieser Tage statt eigener Ansichten lieber "einen Querschnitt der Stimmung unter den Genossen" wieder. Das Telefon in der Kreisgeschäftsstelle steht nicht still, so viel ist zu erfahren, und von begeisterter Zustimmung bis zu wütender Ablehnung hat er sich in den letzten Stunden offenbar einiges anhören müssen.

Die innere Zerrissenheit des Genossen Hesse ist nachvollziehbar. Wirtschaftlich, politisch, kulturell – Marburg-Biedenkopf ist ein gespaltener Kreis. Da ist die rot-grüne Universitätsstadt Marburg mit ihrem linken Studentenmilieu, das nun vor Wut kocht. "Die vier Typen da sind schuld, dass der Koch weiterregieren darf und seine ausländerfeindlichen Sprüche klopft", schimpft der Philosophiestudent Thorben Dankert.

Doch es gibt auch das andere Marburg-Biedenkopf, den Landkreis mit der geringsten Arbeitslosenquote Hessens und viel mittelständischer Industrie. Silke Tesch hat früher einmal in der Leitung eines solchen Betriebs gearbeitet. Rüdiger Breuning, auch ein Genosse, ist Programmierer und hängt an seinem Job. "Glaubt irgendjemand, wenn diese DDR-Nostalgiker mitregieren, gefällt es den Firmen weiterhin so gut in Hessen?", fragt er. "Das sind doch auch Wähler und vor allem Menschen mit Einfluss, die man nicht verprellen darf, oder?", sagt Werner Hesse.

Hat Silke Tesch noch eine politische Zukunft? Gemessen an den nun üblichen wüsten Beschimpfungen aus dem eigenen Lager formulieren die heimischen Genossen eher moderat. Die Abgeordnete Tesch werde sich "Fragen anhören müssen bei der Aufstellung der nächsten Landtagskandidaten", sagt Kreisgeschäftsführerin Eva Wenckebach. Und Werner Hesse ergänzt: "Wenn sie bei Neuwahlen noch mal antreten sollte, wird es eine Kampfkandidatur geben." André PAul