Am Nachmittag, auf dem Weg zum Bahnhof, lag ein leichtes, helles, wehmütiges Herbstgrau in, auf und zwischen allen Dingen. Später begrüßte uns der Kapitän des fast leeren ICEs mit einem "ich begrüße Sie in dem ICE-Ersatzzug nach Leipzig".

Wie jedes Jahr besuchte ich meinen Freund, das Dokumentarfilmfest, wie immer war ich kurz verwirrt, als ich aus dem Hauptbahnhof trat, und es dauerte ein paar Minuten des Drauflosschlenderns, bis ich in der doch recht übersichtlichen Innenstadt die richtigen Wege wiederfand; zum Markt (seit Jahren eine Baustelle) und dann ein paar Meter zurück zum Festivalzentrum im vor vier Jahren eröffneten, klotzartigen Museum der Bildenden Künste.

Die Zeit hatte sich hinter meinem Rücken gestapelt; im versmogten Herbst 1989 war ich hier zum ersten Mal gewesen und nun schon zum dreizehnten Mal hintereinander als akkreditierter Journalist. Die ersten Male hatte das größte Dokumentarfilmfestival in Deutschland noch einen ostigen Touch gehabt, der mir sehr angenehm gewesen war. Das Festivalzentrum mit Festivalkantine war – wie die Buchmesse früher – im alten Messehaus gewesen. Einmal war die Festivalkantine auch in einer ehemaligen Kantine der Staatssicherheit.

Ich hatte in vier verschiedenen Hotels an unterschiedlichen Ecken der Stadt gewohnt; manchmal hatte es schöne Altweibersommer gegeben, manchmal ersten Schnee, einmal – 2001 – auch Anthrax-Alarm, weil man den Zucker, der in einer Toilette gefunden worden war, missverstanden hatte. Und einmal war ich auch ziemlich verwirrt durch die Stadt geirrt, nachdem mich ein Filmemacher aus Saskatchewan morgens zu einer Marihuanazigarette eingeladen hatte.

Von elf bis halb eins war ich meist im Kino gewesen, um zu "sehen, was wirklich ist" (so das Dok-Film-Motto der Neunziger); wehmütig verträumte Nachmittage war ich auf schönen Wiesen spazieren gegangen.

Immer wieder war man von den geschlossenen Geschäften am Reformationstag überrascht worden, immer wieder hatten einem Filme den Atem verschlagen. Mit der Zeit war man nicht mehr ganz so aufgeregt wie am Anfang. Mitarbeiterinnen waren gekommen, gegangen oder hatten Kinder bekommen; der charismatische Ex-Festivalchef Fred Gehler, eine Vaterfigur, war von dem fast 30 Jahre jüngeren Claas Danielsen, einem Mann meiner Generation sozusagen, abgelöst worden; mit der Zeit musste man das Englische auch nicht mehr immer übersetzen, und unübersetzte Filmgespräche auf Russisch gibt es auch nicht mehr.

Leipzig ist prima und mein Tagesablauf als Teilzeitfilmkritiker viel strukturierter als in Berlin: Jeden Tag stehe ich um neun auf, frühstücke ausgiebig, gehe zum Schreiben ins Café Telegraph, gucke vier Filmprogramme, esse, trinke und rauche dazwischen.