Am Abend des neunten November 1989 saß der seit Kurzem freiberufliche Ex-Student Rufus Rebhuhn in seiner abgedunkelten Altbauwohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und sah im Fernsehen die wohl folgenreichste Nachrichtensendung seines Lebens. Er war allein und noch etwas betäubt von dem wiedergewonnenen Status des Junggesellen, nachdem er sich gerade von einer Frau losgemacht hatte. Vorläufig hatte er nun die Nase voll von Liebesbeziehungen; es war die Geschichte, die ihn in diesem Spätherbst in Anspruch nahm. Wie viele seiner Landsleute konnte er an nichts anderes mehr denken.

Es war alles auf einmal gekommen in den letzten Monaten. Erst hatte es diese quälenden Kommunalwahlen gegeben mit einem unverschämten Rekordergebnis von fast 99 Prozent Zustimmung zur einzig herrschenden Partei, was dem Begriff Demokratie einen beinah nordkoreanischen Glanz verlieh. Dann hatten die Ungarn den Eisernen Vorhang geöffnet (der in ihrem Fall nur eine Art Hühnerstalldrahtzaun war, leicht zu zerschneiden), woraufhin sofort Frischluft hereindrang, die bis in die äußersten Ecken des Ostblocks zu spüren war – für die einen als Schauder, für die andern als Sog. So war in der schönsten Urlaubszeit ein besonders mobiler Teil der Bevölkerung abtrünnig geworden, junge Leute und Langzeitausreisewillige. Ganze Familien verschwanden über die ungarische Grenze in den Westen oder suchten in den Botschaften Westdeutschlands in Prag und Warschau Zuflucht. Dies zog die ersten faszinierenden Fernsehbilder nach sich, die mitten im Sommer einen Schneeballeffekt auslösten. Dann hatte die angeschlagene Arbeiter-und-Bauern-Republik ihr vierzigjähriges Jubiläum gefeiert, mit grimmigem Pomp und einer besonders trauervollen Variante der üblichen Militärparaden. Es war ein Trauermarsch mit Raketenfahrzeugen, allerlei Pioniergerät und feschen Panzerkommandanten, die passend dazu in ihren schwarzen Overalls salutierten. Dieser Staatszirkus brachte das Fass zum Überlaufen.

Man hatte versäumt, ihn aus dem Weg zu räumen. Nun war es zu spät

In den größeren Städten, die immer durch ihre solide nächtliche Friedhofsruhe bestachen, gab es mit einem Mal Straßenszenen und Demonstrationen, die schnell zur Regel wurden, Zusammenstöße der Unzufriedenen mit Polizei und Sicherheitskräften. Grund für die Eskalation war ein ganzes Paket unlösbarer Widersprüche, angefangen von den miserablen Zukunftsaussichten der meisten Bürger (bei unverminderter historischer Mission), der Stagnation einer ganzen Gesellschaft (die den Fortschritt nur als Ideologie kannte) über die Zerstörung des Selbstbewusstseins aller ihrer Mitglieder (ein Volk von Weltverbesserern in der Krise) bis hin zum lebenslänglichen Freiheitsentzug (dermaleinst angeordnet, um die Leute vor sich selbst und ihrem falschen Begehren zu schützen). Von alldem war es besonders das Problem der Reisefreiheit, das den Aufruhr entzündete. Es schien so, als wäre den meisten erst jetzt die Perspektive dauernden Eingesperrtseins zu Bewusstsein gekommen in einer jäh aufwallenden Retrospektive ihres bisherigen Lebens, was bei denen, die nichts zu verlieren hatten als dieses Leben, buchstäblich zu Torschlusspanik führte.

Auch Rufus R. war über diesen Punkt zeitlebens nie hinweggekommen. Als seine Mutter mit ihm schwanger ging, stand die Berliner Mauer bereits fix und fertig da, als ein etwas zu groß geratenes Taufgeschenk für den Ungetauften, etwas, das er von da an nie mehr loswerden sollte. Die offizielle Begründung für ihren Bau war zugleich ihre Geburtslüge gewesen. Um die Wühltätigkeit von Seiten des Westens zu unterbinden, verstopfte man der Bevölkerung im Osten sämtliche Löcher. Das Ganze ergab keinen rechten Sinn, und die ursächlichen Zusammenhänge waren etwas durcheinandergeraten. Man hatte versäumt, zu klären, wo denn nun die Wühlmäuse saßen, drinnen oder draußen; die großen Fluchttunnel jedenfalls wurden alle von drinnen gegraben. Die Mauer war denn auch der reinste, Beton gewordene Selbstwiderspruch, ein Monument des Unsinns und der grandiosen Verirrung. Das Symptom, das sich dahinter verbarg, eine tief reichende Identitätsspaltung, wurde zuerst verschleiert, später geleugnet. Die Sprache der DDR, jenes schauerlich spaltungsirre Kauderwelsch, entströmte seither dem Riss in ihrer inneren Logik. Dass man nie darlegen konnte, wo denn nun eigentlich die Wühlmäuse (oder kapitalistischen Ratten) saßen, ob innen oder außen, war ihre Infragestellung von Anfang an. Und so attraktiv war die Idee des Sozialismus, dass nur Gefängnis-Architektur sie vor dem Schlimmsten bewahren konnte. Einmal war Rufus auf Gedichtzeilen gestoßen (bei Robert Frost), die ihm das ganze Paradox des Mauerbaus zu bedenken gaben: "Before I built a wall I’d ask to know / What I was walling in or walling out…"

Nun aber war die Situation unhaltbar geworden, mit jedem Tag stieg der Kesseldruck. Die Regierung stand mit dem Rücken zur Wand, und es war die Wand, die sie selber errichtet hatte. Es nützte ihr wenig, dass sie in letzter Minute einige Figuren an der Spitze austauschte, auch die Entmachtung des Generalsekretärs und des Anführers des Staatssicherheitsdienstes war nur ein Bauernopfer, das niemanden mehr beeindruckte. Einige Genossen waren in eine Schockstarre verfallen beim Blick auf die wachsende Flut, andere hatten glasige Augen bekommen, aber geweint hatte keiner.

Rufus R. war mit dem allgemeinen Zustand zufrieden. Die Krise hatte ihn froh gestimmt, er wusste, es ging jetzt zu Ende. Ein Gefühl von Genugtuung breitete sich in ihm aus, ein ruhiges inneres Feuer, vergleichbar der Wirkung von Scotch Whisky, der wie Öl manchmal vom Glasrand herabfloss. Aus der Sicht der staatlichen Organe galt einer wie er als Randalierer. Für die Bonzen war er ein "feindlich-negatives Element". Und das war nur korrekt: Er hatte selbst an der ersten Zusammenrottung teilgenommen, damals, als in Berlin auf dem Alexanderplatz unter der Weltzeituhr die Sache ins Rollen kam. Er war ein Protestler der ersten Stunde, und mit Freunden war er nachts einmal an eine Straßensperre geraten, hatte in schönster Geburtstagsfeierlaune die Uniformierten verhöhnt. Die Falle war zugeschnappt, man hatte sie alle festgenommen, auf Lastwagen verladen, in schwankender Kurvenfahrt durch die Stadt karriolt, schließlich aufs Revier geschleppt zu Verhör und Stehfolter bis in die Morgenstunden. Er hatte den Spießrutenlauf mitgemacht, war auf einem Garagenhof im Flutlichtschein aus nächster Nähe angebrüllt und von kläffenden Wachhunden bedrängt worden. Die älteren Polizisten waren die schlimmsten gewesen. Wütende Großväter im Hauptmannsrang hatten, am Koppel wild baumelnd die Makarow-Dienstpistole, mit Schlagstöcken auf ihn eingedroschen, ihn als konterrevolutionäres Schwein beschimpft. Einer hatte seinen Personalausweis wie eine speckige Spielkarte auf den Tisch geklatscht, dass er ihm vor die Stiefel segelte. "Aufheben!" Es gab Schläge in die Kniekehlen, wenn einer im Stehen einnickte. Die Mädchen sahen wie Punk-Gespenster aus mit ihrer vom Heulen verlaufenen Wimperntusche. Das rote Preußen hatte ihm eine Abschiedsvorstellung gegeben. Weiß Gott, er hatte das alles satt. "Wie unangenehm, wie unangenehm", hatte er während der langen dumpfen Wartezeit auf dem Gang im Polizeirevier Weißensee still vor sich hin gereimt: "Wie unbequem – euer Schlägersystem".