Es gab eine Zeit, da galt Helmut Schmidt als strategische Autorität. In den sechziger Jahren gelang es ihm, einer provinziellen deutschen Debatte fortschrittliche Überlegungen aus amerikanischen "Denkfabriken" nahezubringen. Mit der Sicherheitspolitik im Zeitalter der Globalisierung tut er sich in seinem Beitrag Was uns angeht und was nicht (ZEIT Nr. 45/08) jedoch erkennbar schwer.

Der Altkanzler übt Fundamentalkritik an einer Sicherheitspolitik, die sich durch zu hoch gesetzte Ansprüche überfordere. Und man erfährt Erstaunliches. Die Intervention in Bosnien sei ein Verstoß gegen die UN-Charta gewesen; die Bundeswehr sei nicht darauf vorbereitet, "irgendwo in Asien den Dorfrichter Adam zu spielen"; und die Amerikaner hätten nicht gewusst, dass in Afghanistan "die Berge 3000 und 4000 Meter hoch sind".

Tatsächlich gab es für die Bosnien-Mission ein UN-Mandat. Tatsächlich hat sich die Lage auf dem Balkan durch die Interventionen der neunziger Jahre unbestreitbar verbessert. Die ernsthafte Bedrohung indes, die von Afghanistan ausging und ausgeht, will Schmidt nicht wirklich thematisieren.

Und die Nato? Auch hier bleibt Schmidts Denken im Kalten Krieg. Wenn er suggeriert, das Bündnis habe durch seinen Afghanistan-Einsatz eine vertraglich festgelegte geografische Grenze überschritten, dann übersieht er, dass der Nato-Vertrag den Bündnispartnern durchaus erlaubt, jenseits der kollektiven Beistandspflicht gemeinsam zu handeln. Wo sie wollen – wie etwa jetzt bei der Bekämpfung der Piraterie vor der afrikanischen Küste.

Auslandseinsätze nein, Nachbarschaft in Europa ja, so Schmidts Diktum. Warum aber sollten sich diese Optionen ausschließen? Macht die Bereitschaft zu Interventionen (gemeinsam mit unseren Partnern in EU und Nato) Deutschland etwa zu einem schlechteren Nachbarn?

Helmut Schmidt sucht nach der risikofreien Sicherheitspolitik und findet sie in der heimischen Idylle, aus der man zwar allerlei Güter exportiert, von den Unbilden der Welt jedoch verschont bleibt.

Michael Rühle ist Stellvertretender Leiter der Politischen Planungseinheit der Nato