Schadenfreude, Vorfreude: Wer nach längerem Uni-Gastspiel in Amerika in den alten Tages- und Wochenblättern stöbert, findet selbst im FAZ- Feuilleton einen Überfluss an Kapitalismuskritik, die mal lustvoll, mal hämisch in der Endzeit die Erlösung wittert. Bei Marx kramend, fragt man: Woher nur dieses "falsche Bewusstsein"?

Was soll denn nach dem Kapitalismus kommen, den Marx ohnehin nicht wiedererkennen würde, weil der inzwischen zur Hälfte aus Staat besteht (etwas weniger in Deutschland, etwas mehr in Schweden)? Welchen Sozialismus hätten wir denn gern? Castros? Nur als Bade- und Nostalgietrip. Eine Staatswirtschaft arabischer oder afrikanischer Prägung? Allah möge es verhüten – doch nicht ein System mit 50 Prozent Arbeitslosigkeit unter den Jungen! Den sowjetischen? Der hat Gleichheit nur in der Armut produziert – und dazu eine Bonzenklasse, die es mit den Bojaren aufnehmen konnte. Das Gosplan-Geschöpf, nicht der K., landete auf dem Müllhaufen der Geschichte, weil in der Unfreiheit Krisenerscheinungen und Lernfähigkeit unterdrückt werden.

In China würden die K.-Kritiker auch nicht leben wollen, in diesem Brutalo-Zwitter, wo die eiserne, allzeit schlagbereite Hand des Staates über einem entfesselten Markt schwebt. Grundsätzlich: Es gibt zwar manchmal Kapitalismus ohne Freiheit (Chile, China), aber nie Freiheit ohne Kapitalismus. Das wird sofort einsichtig, wenn man an die Stelle des altmarxistischen Kampfbegriffs "Kapitalismus" die "Marktwirtschaft mit hoher Regeldichte, makroökonomischer Steuerung und massivem Sozialtransfer" setzt. Das ist der real existierende "Kapitalismus" zwischen Berlin und Berkeley.

In Amerika passen acht Bundesagenturen und dazu noch die der 50 Staaten auf den Finanzmarkt auf. Börsennotierte Firmen kostet es jährlich Milliarden, um ihre Informationspflicht unter dem Sarbanes-Oxley-Gesetz (66 Seiten!) zu erfüllen. In Deutschland geht ein Drittel der Wirtschaftsleistung in Transfers – Subventionen, soziale Absicherung. Deutschland hat mit Skandinavien und Kanada den besten "Gini-Koeffizienten", der die Einkommensgleichheit und so eine messbare "soziale Gerechtigkeit" darstellt. Und das ist "Raubtierkapitalismus"?

Aber der Staat kann’s besser. Warum muss dann der Bund ausgerechnet die Landesbanken retten, in deren Aufsicht es von Bundes- und Landesministern nur so wimmelt? Und nicht die Deutsche? Warum hat denn die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau so schändlich versagt? Die amerikanische Finanzkrise ist nicht denkbar ohne die beiden quasistaatlichen Hypothekenbanken "Fannie" und "Freddie", die auf Geheiß des Kongresses den Häuslebau fördern und deshalb nicht so genau auf die Bonität achten sollten. Ein letztes Beispiel: Die Finanzblase der Neunziger ist gerade in Japan und Südkorea am lautesten geplatzt – in Ländern, wo Staat und Politik mehr im Bankensektor zu sagen hatten als sonst wo im Westen.

Aber vielleicht ist der "Kapitalismus" wirklich dekadent. Sonst würden nicht so viele so lustvoll an dem Ast sägen, auf dem sie so mühelos die Früchte genießen können, die erst der moderne Kapitalismus den breiten Massen hingehängt hat.