Herbststürme fegen von den schneebedeckten Dolomitengipfeln über die Ebene des Piave. Das kalte und nasse Oktoberwetter zehrt an den entkräfteten und hungernden Truppen in den Schützengräben. Seit vielen Monaten erhalten sie nur noch unzureichenden Nachschub. Ihre Reihen sind ausgedünnt, die meisten Einheiten verfügen kaum noch über die Hälfte ihrer Sollstärke. Eine Grippeepidemie rafft täglich Hunderte dahin. Es fehlt an Waffen und Munition. Viele besitzen weder Schuhe noch Mäntel. Oft hängen die Uniformen in Fetzen an den spindeldürren Gestalten. Im Durchschnitt wiegen die Männer gerade noch 55 Kilo. Es ist eine Geisterarmee, des Kaisers letztes Aufgebot, das sich verbissen seiner Haut wehrt. Nach langen Wochen trügerischer Ruhe liegen die Regimenter nun unter schwerem Feuer.

Am 24. Oktober 1918 waren italienische, französische und britische Divisionen sowie ein amerikanisches Expeditionskorps zu einer letzten Offensive angetreten, die dem Imperium der Habsburger den Gnadenstoß erteilen sollte. Zwei Tage leisten die Soldaten der Donaumonarchie noch Widerstand. Dann löst sich die Armee einfach auf. Immer mehr Einheiten der multinationalen Truppe verweigern den Befehl, desertieren, werfen die Gewehre weg und kehren auf eigene Faust in ihre Heimatländer zurück, in denen überall bereits neue Nationalkomitees nach der Macht greifen. Sogar in der Edelweiß-Division, einer Eliteeinheit von Alpenjägern, verabschiedet sich ein Teil der Mannschaft. Am 28. Oktober meldet der verzweifelte Frontkommandant Feldmarschall Svetozar Boroëvić von Bojna an das Armee-Ober-Kommando (AOK) in Baden bei Wien, dass sofort eine Friedensinitiative ergriffen werden müsse, solle nicht "Anarchie eintreten". Es ist aber längst zu spät.

Doch erst jetzt entschließen sich der junge Kaiser Karl und seine Generale, endgültig ihren Nibelungenbund mit dem Deutschen Reich zu brechen. In einem Telegramm an seinen Kollegen in der deutschen Obersten Heeresleitung in Spa, Paul von Hindenburg, berichtet General Arthur Arz von Straußenburg, der letzte Generalstabschef der Habsburgerarmee, die aussichtslose Lage: "Truppen ohne Unterschied der Nationen von über 30 Divisionen weigern sich, weiter zu kämpfen!… Kommandanten sind machtlos… Kommission versucht Verbindung mit ital. Heeresleitung, um Waffenstillstand zu verhandeln."

"Sie haben gar nicht um die Hosen des Kaisers gebeten – das ist schon alles"

Im Morgengrauen des 29. Oktober stolpert ein Parlamentär, der Hauptmann Camillo Ruggera, begleitet von zwei Trompetern, südlich von Serravalle über einen Bahndamm auf die feindlichen Stellungen zu. Die Italiener sind so verblüfft, dass sie die Männer mit der weißen Fahne zunächst mit einem Kugelhagel empfangen.

Am 30. Oktober notiert der britische Generalstabschef Sir Henry Wilson in Paris zufrieden in sein Tagebuch: "An diesem Morgen winselt Wien um einen Waffenstillstand." Das Endspiel hat begonnen. Es wird noch fünf Tage dauern, bis die Waffen endgültig schweigen. Auf der Rückseite eines Briefumschlages skizziert Wilson die Waffenstillstandsbedingungen. Sie kommen einer bedingungslosen Kapitulation gleich. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau resümiert sarkastisch: "Sie haben gar nicht um die Hosen des Kaisers gebeten – aber das ist auch schon alles."

Die Dynastie der Habsburger, die sich sechs Jahrhunderte an der Macht behauptet hatte, verlor in diesen Tagen nicht nur einen blutigen Krieg, sondern ihr Reich, nahezu ihr gesamtes Vermögen und zumindest in den ersten Jahren nach ihrem Untergang jeden Respekt bei den früheren Untertanen. Die Verklärung setzte erst Jahrzehnte später ein. Der stets zum Pathos neigende Dichtervater Hermann Bahr vertraute damals seinen Aufzeichnungen an: "Dies alles ist Fatum, ist geschichtliche Notwendigkeit, ist wie von Ewigkeit her beschlossen… Morgen ist auch noch ein Tag, sagten wir gerne; so lange, bis auf einmal kein Morgen mehr war."

In den Novembertagen 1918 zerplatzen aber nicht nur die Großmachtfantasien eines Herrschergeschlechts und seiner morschen Eliten. Der November 1918 markiert die große Zeitenwende in der europäischen Geschichte. In diesem kalten Herbst wurde mit dem Ersten Weltkrieg auch das erste Kapitel in der blutigsten Epoche des Kontinents, des 20. Jahrhunderts, beendet, von dem der britische Historiker mit Wiener Wurzeln Eric Hobsbawm meint, es sei ein "Zeitalter der Extreme" gewesen. Die feudalen Großreiche waren in sich zusammengebrochen. Eine Vielzahl neuer, instabiler Staaten wurde geboren, und es wurde das Fundament zu vielen Konflikten gelegt, die zum Teil noch heute, wie etwa am Balkan, ungelöst geblieben sind. Von dem Aderlass des Völkerschlachtens sollte sich der europäische Imperialismus nie mehr erholen. Zugleich kündigte sich mit dem letztlich entscheidenden Eintritt der Vereinigten Staaten in den europäischen Krieg auch eine neue Ära an: das amerikanische Jahrhundert.