Hermann Kühtreiber muss ein Masochist sein. Jahr für Jahr erzählt er vom großen Scheitern, vom kalten Bunker an der Donau mitten in den Auwäldern, der zum Wahrzeichen seiner Gemeinde wurde. Aber vielleicht ist Leidensfähigkeit eine Voraussetzung, will man Bürgermeister von Zwentendorf sein. Immer wieder soll der 58-Jährige Revue passieren lassen, wie eine Volksabstimmung verhinderte, dass Österreichs erstes Atomkraftwerk in Betrieb gehen konnte. Der Bau war fertig, alle Sicherheitsvorkehrungen waren getroffen, und die 200 Kernkraftmitarbeiter warteten ungeduldig auf den Tag ihres Dienstantritts. Dann kam der 5. November 1978. "Unsere Gemeinde war dafür", verteidigt Kühtreiber Zwentendorf, "aber so ist das eben mit der Demokratie."

Die Mehrheit entscheidet, egal, wie knapp sie ist. 30000 Stimmen, und die Geschichte hätte einen anderen Lauf genommen. Der Siedewasserreaktor würde zahllose Haushalte mit österreichischem Atomstrom versorgen. Doch stattdessen folgte eine Kette von Misserfolgen und persönlicher Tragödien: ein Kraftwerksdirektor, der sich das Leben nahm, Techniker, die depressiv ins Ausland abwanderten, eine ausgehöhlte Betonruine im Tullnerfeld. Eigentlich ist hier alles in den vergangen 30 Jahren schiefgegangen, was schiefgehen konnte: vom geplanten Hollywoodstreifen bis hin zu dem Projekt eines Vergnügungsparks.

Unheimlich ist das schon. Bürgermeister Kühtreiber erinnert sich an jedes einzelne Versagen. Daran, dass das Kraftwerk in einen gigantischen Tresor für Kunstschätze verwandelt werden sollte, in ein Gaskraftwerk oder gar in einen exklusiven Partyraum, wo Prominente neben den leblosen Turbinen Feste feiern. Geklappt hat nichts. "Man könnte ein bisschen an einen Fluch glauben", sagt Bürgermeister Kühtreiber vorsichtig.

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Mit dem Bau des Kernkraftwerks 1971 kam ein bisschen Leben in die 3000-Seelen-Gemeinde. Es war die Chance, aus Zwentendorf wieder eine prosperierende Industriegemeinde zu machen, die der Ort noch Anfang der Sechziger war, damals, als die Ölraffinerie noch nicht nach Schwechat abgewandert war. Aufbruchstimmung war angesagt. Hunderte Bewohner hofften, ob als Schlosser, Wachmann oder Putzfrau, in der Anlage Arbeit zu finden. Reaktor, Brennstäbe und Uran – das klang nicht nach Lebensgefahr, sondern nach Zukunft.

Von dem Reaktor versprachen sich die Leute eine strahlende Zukunft

"Die Leute sind schon bei uns Schlange gestanden", erzählt Albert Gallaun stolz. Der Elektrotechniker war Werskleiter im Kernkraftwerk und dort unter anderem für die Personalausbildung zuständig. "Ganz Österreich hat sich hier versammelt", sagt der gebürtige Steirer. Junge Männer, die dabei sein wollten, wenn Geschichte stattfindet und Österreich ins Zeitalter der Atomenergie aufbricht. Sie waren bereit, ins Nirgendwo zu ziehen, in eine Siedlung unweit des Kraftwerks, wo Hunderte Wohnungen eigens für die Werksmitarbeiter errichtet worden waren und die nach dem Nuklearpionier Otto Hahn benannt wurde. Bis zu drei Jahre dauerte die Ausbildung für die Kernkrafttechniker, mindestens sechs Monate mussten sie dafür in einem Atomkraftwerk in der Schweiz oder Deutschland verbringen und zusätzlich einen zweiwöchigen Simulatorenkurs in den USA absolvieren. Sie waren bereit für den Tag X.

"Das war eine aufregende Zeit", erinnert sich Maria Rabl, die Frau des damaligen Bürgermeisters. Während ihr mittlerweile verstorbener Mann Heinrich Rabl die Inbetriebnahme von Zwentendorf propagieren musste, war sie dagegen. Aber nur im Stillen. Gut hat sich ihr Mann mit den Geschäftsführern des Kernkraftwerks verstanden, die immer wieder für Besprechungen bei den Rabls zu Hause waren. "Ich bin dann in die Küche gegangen. Ich wollte von dem allen nichts wissen", sagt die zierliche 84Jährige. Erst Jahre nach der Volksabstimmung hat sie ihrem Mann ihr Veto gebeichtet. "Ich wollte es ihm nicht noch schwerer machen", erzählt sie. Immerhin erhielt Heinrich Rabl Drohbriefe von Atomgegnern, die er vor seiner Frau versteckte. Für sie stand das Projekt von Anfang an unter keinem guten Stern. Und sie sollte recht behalten.