Fast jeder Kunstfreund hat sie schon einmal gesehen, sich vielleicht gefreut, ihr an einem zweiten Ort wiederzubegegnen: eine auf die Wand gesprühte Banane, knallgelb, fröhlich gekrümmt. Ihr Urheber ist Thomas Baumgärtel, seit über zwanzig Jahren verziert er mit diesem Signet Wände von ausgewählten Museen und Galerien auf der ganzen Welt.

Den Parkplatz vor seinem Atelier auf dem Gelände der Kölner Gummiwerke Clouth weist ein Schild mit der Aufschrift "Bananensprayer" eindeutig als seinen aus. Ein Bananenaufkleber schmückt zudem das Heck seines Autos, daneben steht ein mit Sprühbananen übersäter Wohnwagen. Auch in seinem Atelier ist die Banane allgegenwärtig. Eine gekreuzigte, mit Acryl überzogene Banane hängt an der Wand, auf einem Wägelchen befinden sich von Hand geschnittene Schablonen seiner Bananenkollektion. Überall herrscht kreative Unordnung, zahllose Sprühflaschen und farbverklebte Pinsel liegen herum, dazwischen finden sich vertrocknete Brötchen und ein Einmachglas mit Kirschen. In den Regalen und auf dem Boden wuchern Kisten, Pakete und in Noppenfolie verpackte Bilder. Darunter auch Werke aus seiner Bananenpointillismus-Phase, in der er aus winzigen aufgesprühten Bananen knallige Früchtestillleben komponierte sehr dekorativ und dementsprechend gut verkäuflich. Das gilt auch für die als Auftragsarbeit gefertigten Lackschilder des Bundesadlers mit Bananenflügeln und herausgestreckter roter Zunge. Doch an den Wänden hängen auch bananenfreie Gemälde aus seiner grauen Phase, die den Kölner Dom und Lagerszenen aus dem KZ Buchenwald zeigen. Fotorealistische Arbeiten, die einen ganz anderen, ernsthaften Ton anschlagen. Gleich daneben aber leuchtet wieder die Banane auf seiner Version der Vertreibung aus dem Paradies. Lucas Cranach d. Ä. malte das Vorbild; bei Baumgärtel handelt es sich bei der verbotenen Frucht natürlich nicht um einen Apfel. Auch in seinem gleich neben dem Atelier gelegenen Büro beherrscht die "Metamorphose der Spraybanane" eine ganze Wand: 150 Motive – die Banane als Friedenstaube, als radioaktives Symbol oder als Paragrafenzeichen. "Mein persönliches bildhaftes Tagebuch", sagt er und serviert Brötchen, Pasteten und Käse.

Sein Signet bezeichnet Baumgärtel auch gern als Rorschachtest, jene Klecksbilder also, deren Deutung mehr über den Deutenden als über das Bild verraten sollen: "So wie die Galerien und Museen mit der Banane umgehen, gehen sie auch mit der Kunst um." Wer sie entfernen lässt, beweist nicht nur wenig Humor, sondern auch eingeschränkten Kunstverstand. Für Baumgärtel symbolisiert die Banane nämlich nichts weniger als die Freiheit der Kunst. Die schließt mit ein, sich einen subversiven Spaß erlauben zu können und ein an sich banales Graffito als künstlerisches Logo im öffentlichen Raum zu etablieren. Den Vorwurf, das werde doch auf die Dauer langweilig, kontert er mit: "Mir nicht!" Warum es aber gerade eine Banane sein musste, das kann er selbst nicht sagen, es war eine Art Eingebung, einen theoretischen Überbau gibt es nicht. Sein Bananenerweckungserlebnis liegt schon 25 Jahre zurück: Damals leistete er seinen Zivildienst im katholischen Krankenhaus seiner Heimatstadt Rheinberg. Eines Tages fand er ein Kruzifix auf dem Boden. Spontan kreuzigte Baumgärtel seine Frühstücksbanane: Die Schalen breitete er wie Arme aus, das Fruchtfleisch diente als Körper. Dergestalt ließ er das Werk verwittern. Seitdem hat Baumgärtel die Banane als Kunstobjekt nicht mehr losgelassen. Mal sagt er zwar, er habe sich selbst ein bisschen befreien müssen vom Image des Bananensprayers, aber im nächsten Atemzug erzählt er freudestrahlend, dass er 2010 im Ruhrgebiet 100 Bananen sprühen wird.

Während seines Studiums der Kunst und der Psychologie experimentierte er weiter mit den gelben Früchten, sprühte sie mit Schablonen an seiner Meinung nach auszeichnungswürdige Kunststätten, zuerst nur illegal, später auch auf Anfrage. In New York leuchten sie Galerie- und Museumsbesuchern ebenso entgegen wie in Moskau und Paris.

Mittlerweile hat Baumgärtel sein Gütesiegel mehr als 4.000-mal versprüht. Auf hellem Hintergrund dauert das Sprühen nicht viel länger als ein paar Minuten. In seinem Computer befinden sich Listen mit jenen Orten, an denen er seine Banane hinterließ, viele Aktionen hat er auch im Bild festgehalten. Die Anzeigen und Schadensersatzklagen gegen ihn füllen Ordner, eine Nacht verbrachte er in München sogar schon mal in U-Haft. Aber das hat er locker genommen, und wenn er erzählt, wie er heimlich das Mäuerchen vorm Guggenheim-Museum in New York "aus der Hüfte" signierte, leuchten seine Augen, und er kichert in sich hinein. Baumgärtel besitzt überhaupt ein beneidenswert sonniges Gemüt, in Jeans und Kapuzensweatshirt wirkt er jugendlich und erfrischend unprätentiös. Arrogantes Künstlergehabe ist ihm fremd. "Ich habe den schönsten Beruf der Welt", sagt er einfach vergnügt.

Um halb neun am Morgen kommt er für gewöhnlich ins Atelier, und in der Regel bleibt er bis nach Mitternacht. Auch sein derzeitiges Herzensprojekt dreht sich um die Banane. Er möchte eine aus fünf Teilen gefertigte monströse Skulptur so im Brandenburger Tor platzieren, dass es aussieht, als stecke die Banane zwischen den Säulen fest.

Erst kürzlich erhielt er wieder eine Absage aus Berlin. Doch so schnell gibt Baumgärtel nicht auf: "Christo und Jeanne-Claude haben mehr als 20 Jahre gebraucht, bis sie den Reichstag verhüllen durften", sagt er. Shirin Sojitrawalla