Zwanzig Jahre nach seinem tödlichen Fenstersturz am 15. Mai 1988 in Amsterdam ist die Spurensuche nicht abgeschlossen. Zu disparat, zu undurchsichtig waren die Pfade des Trompeters und Sängers Chet Baker quer durch Europa, zu unvorhersehbar die plötzlichen Spritztouren im Alfa Romeo, die Suche nach der nächsten Connection, nach Engagements und Studioterminen, die genügend Bargeld versprachen, um wieder abzutauchen. Seit den siebziger Jahren zählte er zu jenen verlorenen Amerikanern, die in Europa als Künstler überleben konnten. Doch im Gegensatz zu anderen Jazzmusikern in Enklaven wie Paris, Kopenhagen oder Stockholm blieb er unbehaust. Er ging – lange bevor Bob Dylan durch einen Jazzsänger in San Rafael erweckt wurde – auf seine Never Ending Tour, ein fahrender Musiker, der mit My Funny Valentine seine Erkennungsmelodie spielte, danach entlohnt wurde und verschwand.

Selten kehrte der Schmerzensmann der Trompete in die USA zurück, erschien überraschend bei seiner Frau Carol und den Kindern, spielte in einigen Clubs und fuhr nach Europa zurück. Wie im Mai 1986, als er im Showcase in Chicago mit dem jungen Pianisten Bradley Young sowie einer zusammengewürfelten Truppe aus Profis auftrat und am nächsten Tag einen Studiotermin buchte, acht Titel einspielte, die jetzt unter Chet in Chicago bei Enja veröffentlicht wurden. In der Unzahl nachgelassener Aufnahmen könnte die Platte leicht untergehen, zumal man sich inzwischen daran gewöhnt hat, dass Matthias Winckelmann von Enja, in Absprache mit der Witwe Carol Baker, Fundstücke in hervorragender Qualität herausgibt – Legacy Vol. 5.

Weich und doch kräftig kommt der Ton zu Old Devil Moon, fließend und elegant wie selten gehört. Die Klarheit seines Spiels der fünfziger Jahre und das Verhangene der achtziger Jahre verbinden sich hier, und wer die Faszination dieses Mannes verstehen will, muss We’ll Be Together Again hören: In diesem Klang verschmelzen Improvisation und Komposition. Es sind klare Linien, fast ansatzlos geblasen, jeder Ton ein Zeichen, und doch voller Kraft und Sicherheit, ohne jenen Hauch von Brüchigkeit, der die meisten seiner europäischen Aufnahmen prägt. Die Wahl der schnellen Stücke deutet auf sein Selbstbewusstsein hin – Parkers Ornithology, Miles Davis’ Sippin’ At Bells und Solar oder der Swing-Klassiker Crazy Rhythm.

Vielleicht war die Vielzahl der Platten, auf denen er zögernd und verhaucht intoniert, auch eine Konzession an ein europäisches Künstlerbild, das den Verlierer, den scheiternden amerikanischen Cowboy dem Helden vorzieht. Vielleicht war es die fordernde Professionalität der Heimat, die keine Schwäche duldete, die den im Stuhl Versunkenen aufrecht sitzen ließ. "Don’t change your hair for me / Not if you care for me" – und dann spielt und singt er My Funny Valentine, jenes Lied von Rodgers/Hart an die Geliebte, die unvergleichlich ist. Eine der unzähligen Fassungen und doch ein Solitär, von einer inneren Logik des Themas geprägt, nicht traurig, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die Stimme und Instrument eins werden lässt.

Chet Baker: Chet in Chicago – The Legacy Vol. 5 (Enja 9524)