Unbestritten dagegen ist, dass die Gravitation des Mondes auf die Meere wirkt, sichtbar durch Ebbe und Flut. 21 Meter maximaler Tidenhub an der kanadischen Atlantikküste zeigen die Dimensionen seiner Kraft. Austern öffnen ihre Schalen bei Flut und schließen sie bei Ebbe – sogar wenn sie fern der Meere im Aquarium gehalten werden. Sie folgen dem Gezeitentakt der jeweiligen geografischen Länge. Der Palolowurm pflanzt sich in den Korallenriffen von Samoa im Frühling genau am Tag des abnehmenden Halbmondes fort. In Kalifornien nutzt der Grunion, ein Ährenfisch, die Springflut bei Voll- und bei Neumond, um auf dem feuchten Sandstrand Eier zu legen und mit Samenmilch zu befruchten. Der Mensch verwertet die Mondkraft durch den Bau von Gezeitenkraftwerken.

Aber nicht nur das Wasser wird vom Mond beeinflusst, auch über das scheinbar stabile Festland wandert ein Gezeitenbuckel von bis zu 40 Zentimetern Höhe. Diese mondbedingte Verformung der Erdkruste führt dazu, dass es bei Voll- und Neumond statistisch gesehen häufiger zu Erdbeben kommt als sonst.

Dennoch könnte man fragen, ob das Fehlen des Mondes für uns ein ernsthafter Verlust wäre. Die romantische Bootsfahrt im silbernen Licht würde entfallen und kein Vollmondbier gebraut werden. Aber sonst?

Unbestritten wären die Tage kürzer. Der Mond hatte für die Erde eine fundamentale Bedeutung als kosmischer Bremser. Kurz nach der Entstehung der Erde war der Tag vermutlich nur fünf Stunden lang, der neu gebildete Mond raste in nur 20000 Kilometern Höhe um die Erde, die Mondscheibe am Himmel hatte den vierzigfachen Durchmesser der heutigen. Die Kraft auf die Gezeiten bremste die Erdrotation laufend – und beschleunigte den Mond per Drehimpulsübertragung. Seine Umlaufbahn und damit sein Abstand zur Erde wurde größer, die Gezeitenkraft schwächer. Der Mond erreichte sukzessive seinen heutigen Erdabstand von 380000 Kilometern. Noch immer entfernt er sich jährlich um weitere 3,8 Zentimeter und verlängert dadurch jedes Jahr den Erdentag um etwa 20 Mikrosekunden.

In Mitteleuropa würde es im Sommer 60 Grad heiß

Na ja, mag man denken. Ein mondloser Fünfstundentag wäre vielleicht etwas hektisch, aber kein größeres Problem. Die Computersimulationen des französischen Astronomen Jacques Laskar ergeben jedoch für eine mondlose Erde ein geradezu vernichtendes Bild. Laskar zeigte 1993, dass die Kräfte aus dem All die Erdachse im Laufe der Jahrmillionen auf chaotische Weise taumeln ließen, würde der Mond sie nicht stabilisieren. Die Drehachse der Erde hat heute eine Neigung von 23,5 Grad zur Ekliptik, ihrer Bahnebene im Lauf um die Sonne. Dieser Winkel beschert uns die Jahreszeiten, wie wir sie kennen: Zeigt die Nordhalbkugel stärker in Richtung Sonne, kommt dort mehr Licht und Wärme an als auf der Südhalbkugel; im Norden herrscht dann Sommer, im Süden Winter. Wandert die Erde so weit um die Sonne, dass die Südhalbkugel dem Licht stärker zugeneigt ist, wechseln die Jahreszeiten.

Die Drehung um ihre Achse lässt die Erde durch die Fliehkraft an den Polen etwas flacher und am Äquator leicht dicker werden. An diesem Äquatorwulst wirken die Anziehungskräfte der Sonne und der Planeten mit einer zusätzlichen Komponente, was die Erdachse wie bei einem Spielzeugkreisel im Laufe der Jahre wackeln lässt. Da die anderen Planeten nicht in der gleichen Ebene um die Sonne kreisen, ergeben sich wechselnde Winkel und Abstände zwischen ihnen und der Erde. Diese rufen eine weitere Störung am Äquatorwulst hervor und rütteln damit zusätzlich an der Drehachse.