Nur mehr wenige Neugierige harren am 21. Oktober 1918 vor dem Barockportal des niederösterreichischen Landhauses in der Wiener Herrengasse aus. Es ist eine kalte, regnerische Nacht im fünften Kriegsherbst. Seit Stunden tagen die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten der sterbenden Monarchie. Soeben haben sie sich zu einer "Provisorischen Nationalversammlung" konstituiert. Es ist der Nukleus, aus dem nur drei Wochen später die erste Republik in Österreich hervorgehen soll. Die ersten Sitzungsteilnehmer verlassen das Gebäude. Die Wartenden richten neugierige Fragen an sie. "Gerade ist der Gesangsverein Deutschösterreich gegründet worden", verkündet eine kräftige Stimme.

In der ganzen Stadt verbreitet sich die Nachricht aus der Herrengasse schnell. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite klettert der Schriftsteller Anton Kuh auf einen Kaffeehaustisch und hält Robbespierre-Reden. Doch so viel umstürzlerischer Elan ist in dieser historischen Oktobernacht noch fast nirgendwo zu finden. Die meisten Menschen sind einfach zu erschöpft.

In den frühen Morgenstunden schlendern der Journalist Karl Tschuppik und der Anwalt Walther Rode, damals eine stadtbekannte Figur, durch die menschenleeren Gassen der Innenstadt. Seit knapp einem Jahr redigieren sie gemeinsam die für die herrschenden Zeitumstände defätistische Wochenschrift Der Friede. Bei der Oper treffen sie auf einen alten Straßenkehrer, der seelenruhig seinen Besen schwingt. "Sonderbar", meint Tschuppik, "die Revolution habe ich mir ganz anders vorgestellt. Wer heißt den Mann, seine Arbeit zu verrichten?"

"Aber kennen Sie denn nicht die eigentliche Funktion der Straßenkehrer", entgegnet der Advokat: "Sie halten die Kontinuität der Gesellschaft aufrecht."

Das einst stolze Reich der Habsburger ist zu diesem Zeitpunkt tatsächlich ein Scherbenhaufen, nur noch ein Fall für die historische Müllabfuhr. Von Schloss Schönbrunn aus sucht Karl I., der letzte Kaiser, vergeblich nach irgendeiner Unterstützung, die ihm seinen wankenden Thron noch retten könnte. Die verbliebenen Berater, vor allem liberale Honoratioren um den Rechtsprofessor Heinrich Lammasch, drängen ihn, ein Manifest zu erlassen, das den Völkern seiner Monarchie weitgehende Autonomie in einem losen Staatenbund garantieren soll. Es erreicht aber das Gegenteil seiner ursprünglichen Absicht. In allen Landesteilen wird es als Zeichen dafür gesehen, dass der Monarch seine eigene Sache verloren gibt. Der Vielvölkerstaat zersplittert.

Polen, Ungarn, Kroaten, Slowenen, Ruthenen sagen sich los und bilden wie in Wien nationale Komitees. Tschechen und Slowaken haben eine gemeinsame Exilregierung gebildet; eine tschechoslowakische Legion, in russischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert, tritt in Oberitalien aufseiten der Entente zu einer letzten Offensive gegen die Reste der k.u.k. Armee an. Dieses ausgehungerte und entkräftete Geisterheer steht vor der endgültigen Auflösung (ZEIT Nr. 46/08), die Einheiten verschwinden im Chaos des Zusammenbruchs.

Auch in seiner Residenz Schönbrunn verlassen den Kaiser seine Truppen. Das ungarische Wachbataillon marschiert, vom neuen Kriegsminister in Budapest abkommandiert, in die Heimat; die Leibgarde erscheint nicht mehr zum Dienst. In den ersten Novembertagen stehen der gespenstischen Hofhaltung, die sich noch immer an ihr steifes Zeremoniell klammert, nur mehr zwei Kontingente halbwüchsiger Kadetten aus den Militärakademien von Wiener Neustadt und Traiskirchen zur Verfügung.

Überall in den Provinzen herrscht bittere Not. Nur mühsam wird das Militärregime des Kriegsabsolutismus, die sogenannte Paragraf-14-Diktatur, der Streikwellen und Hungerkrawalle Herr. Besonders drückend ist der Mangel in der Millionenmetropole Wien, die nach einer katastrophalen Missernte kaum noch Lebensmitteltransporte erreichen. Während die Arbeitszeit in den Rüstungsbetrieben auf täglich 15 Stunden erhöht wird, sinken die Lebensmittelrationen auf 830,9 Kalorien; theoretisch soll jeder 180 Gramm Brot, 71,4 Gramm Kartoffeln, 5,7 Gramm Fett und 17,8 Gramm Fleisch erhalten. Milch ist nicht mehr vorgesehen. Tatsächlich bilden Hunderttausende Wiener jede Nacht lange Brotschlangen; Zehntausende kehren zehn Stunden später regelmäßig mit leeren Händen wieder heim. Von 167000 Wiener Schulkindern, wird eine schulärztliche Untersuchung nach dem Umsturz befinden, können lediglich 6700 als nicht unterernährt gelten.

In fünf Jahren ist die Sterberate in der Residenzstadt um 60 Prozent hochgeschnellt. Jeder vierte Tote wird von der Tuberkulose dahingerafft. Die Spanische Grippe wütet in der entkräfteten Bevölkerung. Bereits im Sommer 1918 war ein "Karoffelkrieg" zwischen Wien und dem Umland ausgebrochen. Zehntausende waren täglich vor die Tore der Stadt gezogen und hatten die Felder der fruchtbaren Regionen geplündert. In vielen Gemeinden erwogen die Behörden eine Verordnung, die das öffentliche Tragen eines Rucksacks verbieten sollte.

Im November 1918 gibt es aber auch auf den Äckern der Umgebung für die Wiener nichts mehr zu holen. Jetzt schleppen sie bündelweise ihren Wienerwald als Brennholz in die Stadt. Sogar vom Friedhof der Namenlosen in den Donauauen, auf dem man die anonymen Wasserleichen bestattete, plündern sie die Holzkreuze und graben Särge aus. Der Gottesacker muss stillgelegt werden. Wien stirbt nennt der Volksbildner Karl Ziak in den Nachkriegsjahren seinen "Heldenroman einer Stadt". Ein Reporter des deutschen Vorwärts berichtet: "Das Wiener Elend der Gegenwart ist in Mitteleuropa ohne Beispiel seit den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges."

Zusätzlich verschärft wird das Elend durch die zurückflutenden Soldaten der geschlagenen Armee. In Trauben hängen sie an den Transportzügen, die in den Bahnhöfen eintreffen. Manche sind noch kräftig genug, den Offizieren die kaiserlichen Kokarden und die Rangabzeichen von den Uniformen zu reißen. Die meisten lassen sich aber einfach in der Bahnhofshalle fallen. "Hälse zwischen Stiefel verflochten, in schweren toten Schlaf versunken", schildert eine Reportage die Szene am Nordbahnhof: "Es sieht aus, als wäre das ein Schlachtfeld mit den aufgehäuften, nicht begrabenen Hingeschlachteten."

Der letzte Akt vollzieht sich nun mit quälender Langsamkeit. In der Hungermetropole beginnt sich immer mehr Umsturzstimmung auszubreiten, weniger in der Arbeiterschaft, wo eine loyale "k.u.k. Sozialdemokratie" für Ruhe sorgt. Es gärt vor allem in den Kasernen, in denen sich überall nach bolschewistischem Vorbild Soldatenräte bilden. Bei einer Soldatenversammlung auf dem Deutschmeisterplatz hinter der Rossauer Kaserne, auf der die Schriftsteller Egon Erwin Kisch und Franz Werfel als Agitatoren auftreten, formiert sich eine Rote Garde. Sie bezieht in der Stiftskaserne ihr Hauptquartier. Eine tatsächliche Herausforderung für die neue Volkswehr, die der sozialdemokratische Artillerieoffizier Julius Deutsch gerade rekrutiert, werden die militanten Aufrührer allerdings nie. Deutsch hat sie längst mit seinen Leuten infiltriert. "Scheint ein Gemisch aus literarischen Judenbuben, Raubgesindel und Idioten", notiert Arthur Schnitzler mit dem Gefühl ungewisser Bedrohung in seiner Villa beim Sternwartepark. Doch der wohl revolutionärste Akt dieser romantischen Miliz ist die kurzfristige Besetzung der Redaktionsräume der Neuen Freien Presse am 12. November, dem Tag, an dem die Republik unter Tumulten vor dem Parlament ausgerufen wird.

Seine Befehlsgewalt als Oberster Kriegsherr hatte Kaiser Karl schon am 3. November, als an der italienischen Front der Waffenstillstand unterzeichnet worden war, weggelegt wie ein Findelkind an der Klosterpforte. Nun hofft er im letzten Augenblick vor Ausrufung der Republik (streng genommen hatte der neue Staatsrat bereits am 30. Oktober die republikanische Staatsform proklamiert, seitdem herrschte ein merkwürdiges Nebeneinander), die letzte verbliebene Stütze, die katholische Kirche, könne seine Dynastie noch retten. Vergeblich will der Wiener Kardinal die christlich-sozialen Abgeordneten auf Gottesgnadentum und Monarchie einschwören. Doch auch die beiden in der Partei tonangebenden Prälaten Hauser und Seipel beteiligen sich an der Formulierung jenes Dokuments, in dem Karl "auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften" verzichtet. Zu einem Thronverzicht kann er sich allerdings nicht durchringen. Nachdem er, wie immer mit einem Bleistift im Silberhalter, die Erklärung unterzeichnet hat, verlässt er mit seiner Familie in den Abendstunden den Palast. Auf Nebenstraßen bringt ein Autokonvoi die Reste des Hofes zum Schloss Eckartsau im Marchfeld, der ersten Station des Exils.

Für den Epilog der Tragödie hatte der letzte Habsburger auf einem Thron bereits vorgesorgt. Wohl noch in der Nacht des 31. Oktober schleicht sich der Oberstkämmerer Leopold Graf Berchtold, bei Kriegsausbruch noch Außenminister und eine der treibenden Kräfte der Kriegspartei, in die Schatzkammer im Schweizerhof der Hofburg. Dort wird neben den Reichsinsignien in den Vitrinen XII und XIII auch der Juwelenschatz der Habsburger verwahrt. In dem Evidenzbuch aus dem Jahr 1871 erzählen noch heute Seite um Seite dicke rote Striche durch die Eintragungen, was dem Hofbeamten alles in die Hände fällt. Darunter befinden sich die Kaiserinnen-Krone, die ein Hofjuwelier einst auf 1310254 Gulden geschätzt hat (nach heutigem Geldwert rund 14,2 Millionen Euro), und ein Brillant von 133 1/5 Karat, der legendäre Florentiner, den die Habsburger 200 Jahre zuvor aus dem Schatz der Medici übernommen haben, geschätzte 675000 Gulden wert. Mit roter Tinte ist unter jeder Verlusteintragung fein säuberlich vermerkt: "lt. Z 716 ex 1919 entnommen".

Noch mit dem Frühexpress nach Zürich verlassen Berchtold und ein Koffer voller Juwelen am 1. November das Land. Zumindest einen Teil des Schatzes führt Karl allerdings bei sich, als er im März 1919 in die Schweiz abgeschoben wird. In seinem Tagebuch berichtet Colonel Edward Strutt, der Begleitoffizier von der britischen Militärmission in Wien, er habe unter seinem Namen neben der prall gefüllten Brieftasche des Exkaisers auch eine Kiste mit Juwelen aus Österreich herausgeschmuggelt und Karl am nächsten Tag in der sicheren Schweiz zurückerstattet.

Stück um Stück verkaufen nun die Habsburger ihre Familienjuwelen und werden dabei wohl auch häufig betrogen. Damit finanzieren sie ihre kleine Hofhaltung im Exil und die beiden gescheiterten, aber kostspieligen Restaurationsversuche in Ungarn zwei Jahre später, die der ungarische Begriff királypuccs, Königsputsch, treffender kennzeichnet. Seitdem gilt der wertvollste Stein aus der Schatzkammer, der honigfarbene Florentiner, als verschollen.

Als der Erbe eines Imperiums schließlich in seiner letzten Exilstation, auf Madeira, eintraf, dürfte er tatsächlich weitgehend mittellos gewesen sein.