Vor allem die frei wirtschaftende Bauernschaft wurde von der Parteiführung in Moskau mit großem Misstrauen betrachtet. Lenins Lehren zufolge brachte ihre Wirtschaftsweise "Tag für Tag, Stunde für Stunde Kapitalismus hervor". Überhaupt waren die Dörfer eine Welt für sich – immer noch erfüllt von dunkler Frömmigkeit und trübem Aberglauben.

Die Verpachtung von Land hatte man seit 1925 wieder zugelassen, und einige Bauern kamen besser zurecht als andere. Sie konnten beispielsweise mit ihren Pferden oder Pflügen aushelfen und erhielten dafür einen Teil der Ernte. Auch stellte der eine oder andere Betrieb gelegentlich einen Lohnarbeiter ein. Diese etwas wohlhabenderen Bauern waren in kommunistischer Terminologie "Kulaken", was so viel bedeutet wie Wucherer oder Profiteur.

Alle Fraktionen in der Partei waren sich einig, dass die Bauern früher oder später in Kollektivwirtschaften unter staatlicher Kontrolle überführt werden müssten. Aber keiner der führenden Kommunisten wusste zu sagen, wie. Überhaupt herrschte in wirtschaftlichen Fragen weitgehend Ratlosigkeit.

Anfang 1928 kamen die Dinge ins Rutschen. Die staatlichen Getreideaufkäufe waren um zwei Millionen Tonnen hinter den Voranschlägen zurückgeblieben – ein vergleichsweise geringes Ungleichgewicht. Die Agrarproduktion war insgesamt durchaus gestiegen, aber vornehmlich bei Produkten, die bessere Preise erzielten. Das Getreidedefizit hätte sich also durch Anheben des staatlichen Aufkaufpreises leicht beheben lassen. Aber auf Marktmechanismen wollten Stalin und sein Politbüro nicht bauen, sie verstanden wohl auch zu wenig davon. Stattdessen riefen sie eine "Getreidekrise" aus und beschlossen im Januar 1928 die Rückkehr zu zwangsweisen Requisitionen, wie im Bürgerkrieg.

2,5 Millionen Tonnen landeten in den staatlichen Silos. Stalin sah sich in seiner Sicht bestätigt, dass die Bauern Getreide "gehortet" hätten. Im Juli 1928 blies man die "außerordentlichen Maßnahmen" wieder ab und versprach, zum normalen Handel zurückzukehren. Aber viele Bauern hatten das Vertrauen verloren. Ihr Arbeitseinsatz ließ nach. Im Herbst 1928 wiesen die Statistiken eine fallende Getreideproduktion und schrumpfende Viehbestände aus. Erneut gab es eine "Krise".

Als Antwort beschloss das Politbüro im Februar 1929 die landesweite Einführung der "Ural-Sibirischen Methode": Keine Zwangsrequisitionen mehr, die Bauern sollten "freiwillig" einer Erhöhung ihrer Naturalbesteuerung zustimmen. Trupps von Bevollmächtigten suchten die Dörfer auf. Wer sich gegen die höhere Besteuerung aussprach, wurde als "Kulak" bedroht oder gleich verhaftet.

Die Lage auf dem Lande verschärfte sich nun dramatisch. Schon 1928 kam es in allen Teilen der Sowjetunion zu Unruhen, zu Plünderungen, zu Überfällen auf Parteiaktivisten. Von 1927 bis 1929 verloren 300 Mitglieder von Requisitionstrupps ihr Leben. Allein in der Ukraine zählte die Regierung 1929 exakt 1262 "terroristische Akte". Viele Bauern vergruben ihr Korn oder verkauften es an illegale private Händler. Andere wiederum gaben es billig an Arme ab oder warfen es in den Fluss.