Vielerorts räumten die Requisitionskommandos nun sämtliche Lebensmittel aus den Bauernhütten. Der Schriftsteller und spätere Dissident Lew Kopelew war als Parteiaktivist mit dabei. Er wagte nicht, "schwach zu werden und Mitleid zu empfinden. Wir vollbrachten doch eine historisch notwendige Tat []. Wir versorgten das sozialistische Vaterland mit Brot. Wir erfüllten den Fünfjahresplan."

Im Frühjahr 1933 wurde der Hunger zur umfassenden Katastrophe. "Die schrecklichsten Anblicke waren kleine Kinder mit Skelettgliedern, die an ballonartigen Körpern baumelten", erinnerte sich Wiktor Krawtschenko, auch er damals Aktivist. "Der Hunger hatte jede Spur von Jugend aus ihren Gesichtern gewischt []; nur in ihren Augen hielt sich noch eine Erinnerung an Kindheit. Überall fanden wir Männer und Frauen am Boden liegend, die Gesichter und Bäuche geschwollen, ihre Augen völlig ausdruckslos."

Nach einer Reise im Juni 1933 berichtete der italienische Geschäftsträger Bernardo Attolico: "Man findet Leichen, bei denen die Weichteile herausgeschnitten sind, und diese werden als Nahrung gebraucht. Leichen von Kindern findet man nicht; wie die Bauern selbst gestehen, wird das Fleisch der Kinderleichen gekocht und gegessen. Nur die Rote Armee und die Fabrikarbeiter werden noch ›einigermaßen‹ mit Nahrung versorgt."

Stalin war gut informiert. Schließlich gingen zahllose Berichte über seinen Schreibtisch, von der GPU, von leitenden Funktionären, aber auch von Marschall Iona Yakir, dem Befehlshaber des Ukrainischen Militärdistriktes. Gelegentlich akzeptierte Stalin kleinere Absenkungen des Ablieferungssolls. Die niedrigen Forderungen für die neue Ernte 1933 – in der Ukraine 4,7 Millionen Tonnen anstelle von 6,7 Millionen im Jahr zuvor – kann man möglicherweise als stillschweigendes Eingeständnis interpretieren, die Schraube des Terrors überdreht zu haben. Staatliche Stellen teilten im Frühjahr 1933 Saatgut aus, auch einige Lebensmittel für diejenigen, die zur Aussaat auf den Feldern arbeiteten. Ansonsten aber unterblieb zumindest bis Mai 1933 jede Form von Hilfe.

Im Januar 1933 hatten Stalin und Molotow die Abriegelung der Hungergebiete verfügt. Auf den ukrainischen Bahnhöfen gab es keine Fahrkarten mehr zu kaufen. "Illegal" Reisende wurden von der GPU wieder zurückgeschickt.

Selbst wenn man voraussetzt, dass Stalin ein psychopathischer Despot war, mögen diese Art und dieser Grad des Terrors doch erstaunen, schließlich brauchte das Land Arbeitskräfte und Soldaten. Immerhin hat Stalin versucht, sein Vorgehen zu begründen. In einem Brief an den Schriftsteller und späteren Literaturnobelpreisträger Michail Scholochow konzedierte er, dass einige Parteiarbeiter gewiss zu weit gegangen seien. Aber man müsse auch sehen, dass die Getreideproduzenten "einen ›Italienischen Streik‹ (Sabotage!) durchführten und sich nicht zu schade waren, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot dastehen zu lassen".

Aus seiner Warte hatten die Bauern nicht richtig gearbeitet. Wie er aus den GPU-Berichten wusste, stand es ja in den Kolchosen mit der Arbeitsmoral der verbitterten Landleute in der Tat nicht zum Besten. Die Bauern brauchten also eine "Lektion".