Offenbar dachte nicht nur Stalin so. Der deutsche Agrarexperte Otto Schiller konnte mehrfach "die Erklärung hören, daß nur diejenigen hungern, die nicht arbeiten wollten. In der sowjetischen Verfassung stünde aber, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll." Dies sei so zu verstehen, "daß, wer nicht arbeiten wolle, nicht nur sterben könne, sondern letzten Endes auch sterben müsse".

Die mörderische "Lektion" scheint angekommen zu sein. Jedenfalls berichtete Generalkonsul Karl Walther im Dezember 1933 aus Charkow, in der Landbevölkerung herrsche die Überzeugung, "daß die Sowjet-Macht die Hungersnot [] bewußt als Mittel [] benutzt hat, um die Widerstände gegen das System und die Abneigung gegen die kollektivistischen Arbeitsmethoden zu brechen".

Nicht nur Ukrainer, auch Russen und viele andere Nationalitäten litten

Neueren Forschungen zufolge verhungerten 1932/33 fünf bis sieben Millionen Menschen. Nehmen wir die in der Verbannung umgekommenen "Kulaken" und all die anderen Opfer des Kollektivierungs- und Requisitionssterrors hinzu, dann steigt die Schätzung bis auf 14,5 Millionen. Robert Conquest von der Universität Stanford kam auf Basis sowjetischer Volkszählungen zu dieser monströsen Zahl.

Dennoch spielte die Katastrophe im öffentlichen Bewusstsein jahrzehntelang kaum eine Rolle. Erst um 1990 wagte man sich an dieses schreckliche Kapitel, insbesondere in der unabhängig gewordenen Ukraine. 2006 erklärte das Parlament in Kiew den 25. November zum Tag des Gedenkens an den "Holodomor" – ein Wort, das frei übersetzt "Hungerkatastrophe" bedeutet und in dem zugleich der Holocaust mit anklingt.

Allerdings gab es rasch Streit, weil die Parlamentsmehrheit das Massensterben zu einem stalinistischen Genozid am ukrainischen Volk uminterpretierte. Nun hatte in der Tat die Ukraine besonders gelitten. Auch fiel der Hungerterror zusammen mit Stalins Angriff auf die Reste ukrainischer Autonomie und ukrainischen Sonderbewusstseins. Einigen Juristen zufolge lässt sich daher durchaus von einem Genozid im Sinne der UN-Konvention von 1948 sprechen. Die amerikanische und die kanadische Regierung schlossen sich dem an.

Bei dieser Interpretation drohen jedoch wesentliche Fakten aus dem Blickfeld zu geraten. Einen Plan Stalins, alle Ukrainer umzubringen, gab es nicht. Außerdem wurden auch Nichtukrainer Opfer seiner Schreckenspolitik, wie zum Beispiel die Menschen in Kasachstan, wo der Hunger – gemessen an der Einwohnerzahl – am heftigsten wütete, und selbstverständlich viele Russen. Gerade sie betrachten die nationalistische Genozid-Deutung der Ukrainer als Geringschätzung ihres Leidens und als ein abgekartetes antirussisches Manöver. In dieser bizarren Debatte aber, dem Versuch, das Gedenken für fragwürdige Zwecke zu instrumentalisieren, droht die Erinnerung an eines der grausigsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts und seine Millionen von Opfern erneut zu verschwinden.