Man möchte der Deutschen Telekom am liebsten raten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – von einem guten Therapeuten beispielsweise. Schließlich zeigen sich im Zuge der Spitzelaffäre zunehmend Symptome einer mittelschweren Paranoia im damaligen Management. In den Jahren 2005 und 2006 wurde öffentlich mehrfach über Telekom-Interna berichtet. Die Verantwortlichen im Konzern fühlten sich bedroht und verfolgt – von Journalisten und eigenen Mitarbeitern. Ja sogar, und das wurde erst jetzt bekannt, von unbeteiligten Dritten. Auch die Telefonverbindungen von ver.di-Chef Frank Bsirske soll die Konzernsicherheit während dieser Zeit überprüft haben. Gewerkschaft und Telekom liegen zwar regelmäßig im Clinch, aber Bsirske selbst war mit den damaligen Streitereien nicht befasst.

Welch eine Wagenburg-Mentalität muss bei der Telekom geherrscht haben! Wir da drinnen, die Bösen da draußen und Verräter mitten unter uns. Zurzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft, wer die Spitzeleien angeordnet hat. Geführt wurde die Telekom in der fraglichen Zeit von Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel.

Der heutige Konzernchef René Obermann verbringt derweil viel Zeit damit, die ausgeforschten Opfer anzurufen und um Verzeihung zu bitten. Er tut gut daran, schließlich ist Einsicht der erste Schritt zur Besserung. Obermann hat sogar einen neuen Vorstand für Datenschutz berufen – den bisherigen Chefjustiziar Manfred Balz. Messen wird man Obermann freilich nicht an den Taten allein, sondern an deren Wirkung. Solange regelmäßig neue Meldungen à la "Spitzelaffäre bei der Telekom erreicht neue Dimensionen" die Runde machen, kann man nur sagen: Durchgestanden ist das Thema noch lange nicht.

Handygespräche, Festnetztelefonate, Internetverbindungen – wohl kein Unternehmen im Land ist technisch besser dazu in der Lage, seine Kritiker zu überwachen. Aber auch Telekom-Manager müssen verstehen, dass Kritik nicht zwangsläufig einen Angriff darstellt, den sie mit geheimdienstähnlichen Methoden abwehren dürfen. Sie befinden sich nicht im Krieg mit dem Rest der Welt, mit der Presse oder gar den eigenen Leuten, auch wenn einige das so sehen mögen.

Für den Bonner Konzern spricht, dass der Spitzelskandal zwei Jahre zurückliegt. Diese Tatsache macht das Geschehene zwar nicht weniger schlimm und entschuldigt gar nichts. Sie gibt aber Anlass zur Hoffnung, weil bisher keine vergleichbaren Überwachungsvorwürfe aus der Zeit danach bekannt geworden sind.

Dagegen spricht, dass manche bei der Telekom anderen offenbar immer noch nicht so richtig über den Weg trauen. So legen Mitarbeiter bis heute Akten über Journalisten an, sammeln beispielsweise Fotos und Lebensläufe von jenen, die über die Telekom berichten. Juristisch gesehen, ist dagegen nichts einzuwenden, solange diese Informationen aus frei zugänglichen Quellen stammen. Die spannende Frage aber ist: Bleibt es dabei? Oder fallen die entscheidenden Leute bei nächster Gelegenheit doch wieder in den Habitus eines vermeintlich Verfolgten zurück, der seine Verfolger abwehren will, koste es, was es wolle?

Wenn es das nächste Mal hart auf hart kommt und die Deutsche Telekom für unternehmerische Entscheidungen in der öffentlichen Kritik steht, kann Obermann darauf eine Antwort geben.