Vielleicht ist Theresa so etwas wie der Traum sächsischer Bildungspolitiker. Das blonde Mädchen im roten Pullover ist elf Jahre alt und hat gerade eine Erfindung gemacht: Navigationssysteme, die mitlernen, die Straßen und Gebäude, die sie noch nicht kennen, intuitiv aufnehmen, wenn sie daran vorbeifahren. So ähnlich jedenfalls stellt sich Theresa das vor. Sie muss noch ein wenig darüber nachdenken, wenn sie wieder Zeit dafür hat. Im Moment aber bereitet ihr der kleine Lego-Roboter mehr Kopfzerbrechen, der gerade über das auf Papier gezeichnete Eisfeld am Südpol fährt und kleine Männchen von einem Ort zum nächsten bringen soll. Die Kinder der Lego-Roboter-AG am Gymnasium in Taucha haben lange an diesem Roboter gebastelt und versucht, ihm die richtigen Befehle einzuspeisen. Er macht trotzdem nicht, was er soll. Jetzt haben alle rote Wangen, denn in wenigen Tagen schon ist der Regionalwettbewerb der First Lego League in Leipzig. Dass Theresa das einzige Mädchen im Kurs des Mathelehrers Axel Mohr ist, macht ihr nichts aus. Später will sie mal Wissenschaftlerin werden, sagt sie: "Am liebsten für Umweltschutz."

Eine Geschichte, wie sie nicht besser zu Sachsen passen könnte – das sich gern als Land der Erfinder und Forscher sieht. Zu jenem Land, das nun von sich behaupten darf, die schlauesten Schüler der Bundesrepublik zu haben, die besten Lehrer, vermutlich sogar das effektivste Schulsystem. Dass nun ausgerechnet Sachsen zum bildungspolitischen Musterschüler aufsteigt und Bayern und Baden-Württemberg überstrahlt, obwohl gerade sie nach der Wende glaubten, den ahnungslosen Ostdeutschen erzählen zu müssen, wie man Schule macht, gehört zur feinen Ironie dieser Erfolgsgeschichte. Schon vor dem ersten Pisa-Ländervergleich prophezeite der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt, Sachsen werde zu den Siegern gehören. Angesichts der schwierigen Neuorganisation des sächsischen Schulwesens nach der Wende glaubte ihm das niemand.

Auf einen Lehrer kommen 15 Schüler

Und nun, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung, blickt ganz Deutschland wieder in den Osten. Den 15-Jährigen aus Baden-Württemberg gelang eine spürbare Leistungssteigerung nur in der Mathematik, Bayern konnte in Mathematik und den Naturwissenschaften zulegen. Aber die sächsischen Schüler verbesserten sich im Vergleich zur ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 deutlich stärker und legten zusätzlich bei der Lesekompetenz zu. Sachsen ist Deutschlands neuer Primus.

Und weil es hierzulande immer noch zu Verblüffung führt, wenn der Osten etwas besser kann als der Westen, fragt man sich nun: Wie machen diese Sachsen das bloß?

Der Freistaat gibt jeden vierten Euro für Bildung aus. Sachsen hat sehr gute Schüler-Lehrer-Relationen, 11 bis 15 Schüler kommen auf einen Pädagogen. Sachsen hat sich gegen die Hauptschule und für ein zweigliedriges Schulsystem aus Mittelschule und Gymnasium entschieden – und gemeinsam mit Thüringen sofort nach der Wende das Abitur nach zwölf Jahren durchgesetzt. Das Land hat die höchste Stundenzahl in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern und belegt bei Mathematikolympiaden traditionell vordere Plätze – im internationalen Wettbewerb 2008 in Madrid holte Sachsen drei Medaillen für Deutschland. Sachsen weiß, worauf es ankommt: Seit diesem Schuljahr dürfen Physik, Chemie und Biologie im Abitur nicht mehr abgewählt werden.

Ein fast verbissener Ehrgeiz war schon immer eine Stärke der Sachsen. Das Land hat gerade in den wirtschaftlich harten Jahren nach 1990, als die Arbeitslosigkeit zwischen Zwickau und Zittau teilweise auf bis zu 22 Prozent stieg, die Menschen wegzogen und im Westen ihr Glück suchten, sein Selbstbewusstsein bewahrt, sich gegen Bevormundung und westdeutsche Selbstgefälligkeit gewehrt und mit Sturheit Sonderwege erkämpft. Das Abitur nach zwölf Jahren zum Beispiel wäre fast an der Mauer des Widerstands innerhalb der Kultusministerkonferenz gescheitert. Sachsen aber schluckte lieber die Auflage, den kompletten Stoff von neun Schuljahren in acht zu unterrichten, als sich geschlagen zu geben. Und als dem Land fast die Hälfte seiner Schüler ausblieb, entschloss man sich zwar, 50 Prozent der Mittelschulen und 20 Prozent der Gymnasien zu schließen, aber anstatt proportional dazu auch die Lehrerstellen zu streichen, hat Sachsen auf Teilzeit umgestellt und 70 Prozent seiner materiellen und personellen Ressourcen erhalten.

Auf westdeutsche Kuschelpädagogik hat sich der Freistaat nie eingelassen

Was für Menschen sind das, die in Sachsen Schule machen? Die Lehrer im Freistaat haben zu über 80 Prozent klassische Ost-Biografien, besuchten die Polytechnischen Oberschulen (POS) und wurden geprägt von der pädagogischen Ausbildung in der DDR. Sind sie der Schlüssel zu den überragenden Schülerleistungen? Und welchen Einfluss hat ihre Herkunft auf das Wunder von Sachsen?