Die Idylle trügt. Eben noch erhoben sich strahlende Gitarrenakkorde in den blauen Himmel, gemächlich schaukelte der Country-Groove durch den sattgrünen Vorgarten, und David Byrnes Stimme schmeichelte süß wie ein guter Pflaumenkuchen. Dann kommen Zeilen wie die diese: "Zuhause, wo die Nachbarn streiten (…) Zuhause, wo niemand spricht (…) Zuhause, wo die Kameras wachen". Der Song Home ist ein Kurz-Essay über den Begriff der Heimat. Fünf Minuten über die Liebe, den Hass und die ambivalenten Gefühlslagen dazwischen.

Solcherart Texte haben den Talking Heads einmal den Ruf einer thinking man’s band eingebracht, besonders in jener Phase vor rund 30 Jahren, als Brian Eno hinzutrat. Dem Rest der Band war das zu viel Art School, und so verlagerten Byrne und Eno ihre Experimente 1981 in das Projekt My Life In The Bush Of Ghosts. Das gleichnamige Album gilt bis heute als wegweisend, weil darauf die O-Ton-Aufnahmen von Predigern, Satanisten oder Muezzins wie Gesang verwendet wurden. Collagetechniken, die erst später mit dem Sampling Verbreitung fanden. Für ihre neuerliche Zusammenarbeit haben sich Byrne und Eno aber nicht noch einmal in den Dschungel der Geister begeben. Ihnen stellt sich jetzt eher die Frage nach dem spirituellen Überleben in einer digitalisierten und reizüberfluteten Welt.

Erste Vorraussetzung dafür ist das Ausschalten jeglichen Zeitdrucks. Life is long – if you give it way. Die Stücke entstanden in einer mehrjährigen E-Mail-Korrespondenz zwischen Byrne in New York und Eno in London. Es gab keinen Zwang, irgendetwas zu beweisen. Es gab lediglich einige Instrumentalspuren, die Eno begonnen hatte, und den Vorsatz aufzuhören, wenn es keinen Sinn ergeben sollte. Das Ergebnis ist die beste Talking-Heads-Platte seit 20 Jahren. Gospelselige, scheinbar harmlose Songs von schleichender Anziehungskraft und lässiger Ironie. Ein souveränes, mildes Spätwerk. "This groove is out of fashion / These beats are 20 years old", singt Byrne in Strange Overtones. Und das kratzt ihn überhaupt nicht.

Byrne und Eno haben auch die Frage nach dem kommerziellen Überleben bedacht. Der Musikindustrie zeigen sie im Handumdrehen, wie der Internetvertrieb zu meistern wäre. Zwei, drei Klicks, dann beginnt der Download des Albums, ohne Plattenfirma, einfach auf der Homepage der Musiker, zu einem Preis von neun Dollar, in anständiger Qualität, ohne Kopierschutz-Heckmeck. Man bekommt dazu eine 17-seitige PDF-Datei als Textheft. Nostalgiker legen für die CD noch drei Dollar drauf. Dann kommt eine E-Mail mit der Rechnung und dem Absender "David Byrne and Brian Eno". Direkt vom Musiker zum Hörer.

Alles was geschieht, geschieht heute. Würden mehr Musiker ihren Vertrieb auf so verbindliche Weise handhaben, könnten die Plattenfirmen bald dichtmachen. Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung des Albumtitels. Wer weiß. Auch mit 60 hat man noch Träume.

David Byrne and Brian Eno: Everything That Happens Will Happen Today, Essential/Indigo. Oder unter: www.everythingthathappens.com