Wer ist in Deutschland eigentlich für Energie zuständig? Der Umweltminister findet, Energie sei eine Klimafrage und gehöre ins Umweltressort. Der Wirtschaftsminister meint, Energie sei Brennstoff der Wirtschaft, also sei das seine Sache. Und neben den beiden rühren noch neun weitere Ministerien in Energiefragen herum. Darüber hinaus beanspruchen die Länder Hoheit über Kraftwerke, treffen sich Klimaforscher, Rohstofflobbyisten und Bürokraten zu Energiegipfeln im Kanzleramt. Heraus kommen meist nur fixe Ideen, wechselnde Prioritäten und hektische Marschbefehle für die jeweils kommende Woche.

Energie ist eine Schlüsselfrage für den Wohlstand und das Wachstum von Nationen. Viele Länder leisten sich deshalb Energieministerien, um die Politik nach innen und außen zu bündeln. Deutschland meint, darauf verzichten zu können. Vorausschauende Länder arbeiten eine Energiestrategie für die nächsten Jahrzehnte aus. Berlin tut sich damit schwer. Starke Interessengruppen müssten entmachtet werden. Und man sollte genau wissen, was man will. Was können die Deutschen von anderen Nationen lernen, wovor seien sie gewarnt?

Als Winston Churchill 1911 vom britischen Premierminister gefragt wurde, ob er geneigt sei, Erster Lord der Admiralität seiner Majestät zu werden, antwortete er: "Und ob ich will." Auf dem höchsten Posten der Königlich-britischen Marine musste Churchill nicht lange rätseln, was zu tun war. Deutschland schickte sich an, mit seinen immer schnelleren Kreuzern die Navy herauszufordern. Churchill wollte, dass die britischen Schiffe künftig nicht mehr mit Kohle, sondern mit Öl befeuert werden. Das würde sie schneller machen und die Regimente der Heizer auf jedem Schiff überflüssig machen. Er kämpfte gegen die Kohlelobby, erst in der Marine, dann im Parlament und setzte sich durch. Doch woher sollte Großbritannien das Öl bekommen? Die Vorkommen in der Nordsee wurden erst ein halbes Jahrhundert später entdeckt.

Churchill entwarf eine Energiestrategie, welche die Politik seines Landes für die nächsten 50 Jahre prägen sollte. "Wir dürfen von keiner einzelnen Sorte, keinem einzelnen Verfahren, keinem einzelnen Land, keiner einzelnen Route und keinem einzelnen Feld abhängig sein", donnerte er 1913 im britischen Unterhaus. "Sicherheit und Verlässlichkeit beim Öl liegen in der Vielfalt und nur in der Vielfalt." Churchill wollte sich nicht der Vorherrschaft der mächtigen Royal Dutch Shell unterwerfen, die damals in Europa eine ähnliche Rolle spielte wie heute Gasprom. Er drückte im Parlament eine Millionenhilfe für die Not leidende Anglo-Persian Oil Company durch. Britannien sollte seinen eigenen Zugang zu den Ölfeldern im Mittleren Osten haben, Shell bekam Konkurrenz.

Diese Maxime bestimmte zu einem guten Teil die britische Politik im Ersten Weltkrieg. Sie beeinflusste die systematische Eroberung des Mittleren Ostens Anfang der zwanziger Jahre. Sie war noch wirksam, als Großbritannien 1956 Krieg gegen Ägypten führte. Dessen Führer Gamal Nasser hatte zuvor den Sueskanal verstaatlicht, durch den das Öl aus dem Persischen Golf nach Großbritannien kam. Diesen törichten Krieg verlor London, weil die USA und die Sowjetunion eingriffen. Doch zuvor hatte Churchill als Stratege und später als Premierminister zwei Weltkriege gewonnen. Dabei half ihm der Leitsatz "Sicherheit durch Vielfalt", heute auch "Diversifikation" genannt.