In Istanbul schoss jüngst ein erregter türkischer Bürger mit einer Flinte auf Kurden, die mit Bannern und Kindern für die verbotene PKK demonstrierten. Was meint der Premierminister dazu? "Ich empfehle Geduld", sagt Tayyip Erdoğan dem Schießwütigen. "Aber wie lange kann man Geduld haben? Wenn das Leben unserer Bürger bedroht wird und die Bürger die Mittel haben, sich zu schützen, dann werden sie es tun." Ein Satz wie ein Schrapnell. Hat der Premier zur Selbstjustiz aufgerufen oder nicht? Alle rätseln, er lässt das so stehen.

Tayyip Erdoğan ist Anfang nächsten Jahres sechs Jahre an der Macht. Schon jetzt hat er das Land stärker geprägt als die meisten seiner Vorgänger. Man weiß, bei großen Reformern ist die zweite Amtszeit in der Regel weniger elegant als die erste. Aber bei Erdoğan ist kein allmählicher Verfall zu besichtigen, sondern eine radikale Kehrtwende. Alles, was er neuerdings von sich gibt, führt ihn weg von dem, was er bisher erreicht hat. Seine Reden vergrätzen jene Türken und ausländischen Beobachter, die er mit pragmatischen Reformen überzeugt hat. Erdoğans Triumphzug wird zur Tragödie eines Mannes, der auszog, das alte Regime zu verändern, und nun von diesem verschlungen wird.

Auf der Tagung des World Economic Forum in Istanbul Anfang November erklimmt Tayyip Erdoğan das Rednerpult. Er hat kleine Augen. Ringe darunter. Einen sehr kleinen Mund. Und aus dem kommen große laute Worte. "Terror", sagt er und meint die kurdische PKK. Im Publikum sitzen Wirtschaftskapitäne, Geschäftsleute, Finanzminister, Banker. Sie sind gekommen, um über die Weltwirtschaftskrise zu diskutieren, und Erdoğan redet geschlagene 25 Minuten über den "Terror". Er spricht stakkatohaft, eindringend, drohend, als würde er das Desinteresse im Saal spüren. Dann hängt er noch kurz ein paar Worte an zur Krise, die in der Türkei angeblich nicht so schlimm sei. Müde verlässt er das Pult und hinterlässt ermattete Zuhörer. "Auf welchem Planeten lebt dieser Mann?", fragt einer der Wirtschaftsleute.

Auf dem Planeten Ankara. Der ist zwar bewohnt, aber für Menschen kaum gemacht. Breite Autopisten, hohe Stacheldrahtzäune, massige Ministerien. Ein ruppiges Pflaster für unerwünschte Außenseiter. Erdoğan, der Ex-Islamist, wurde 2002 aus dem Parlament verbannt, obwohl seine AKP die absolute Mehrheit hatte. Nur über eine Nachwahl wurde er Premier. Als solcher überstand er mehrere Putschversuche. Dann beantragte der Generalstaatsanwalt ein Verbot für Premier und AKP, das an nur einer Richterstimme scheiterte. Das politische Gericht verurteilte die Partei als Glutbecken antisäkularer Aktivitäten. Ein mutiger Reformer steht in der Türkei immer mit einem Bein im Gefängnis.

"Ihr werdet dafür bezahlen!", wütete Erdoğan gegen Journalisten

Wie verhält man sich in dieser Lage? Man kämpft. Nur hat Erdoğan sich dafür nicht seine übermächtigen Gegner im Staatsapparat ausgesucht, sondern kritische Journalisten. Als das Medienimperium von Aydin Doğan Erdoğan angriff, oft mit unfairen Vorwürfen, ließ der Premier sich tief herab. "Ihr werdet dafür bezahlen!", wütete er gegen Doğans Journalisten und ihren Herrn. Zuvor schon verfolgte er gerichtlich Karikaturisten, die ihn als Katze gezeichnet hatten. Nun warf er sieben Reporter der Oppositionspresse aus dem Pressepool des Ministerpräsidenten. Der Reformpremier wird zum Raufbold gegen die Pressefreiheit.

Das ist erstaunlich für einen Mann, der so viel erreicht hat – unter anderem, weil er die begrenzten Freiheiten in der türkischen Halbdemokratie nutzen konnte. Am Anfang war Kasimpasa, ein ärmlicher Stadtteil am Goldenen Horn in Istanbul. Tayyip Erdoğan, Sohn eines Seemanns vom Schwarzen Meer, verkaufte im Straßenstaub Sesamkringel. Die Hand mit dem Wechselgeld steckte in der linken Hosentasche. Prellte ihn jemand, zahlte er mit der Faust aus der rechten Hosentasche zurück. Ein bisschen Wut hatte er immer schon im Bauch.