Wenn sich Besuch ankündigt, pflegt Martina Schulz* etwas verschämt zu reagieren. Vorsorglich weist sie darauf hin, dass sie ja nun auf einer Baustelle lebe, und das stimmt. Irgendwann hatten sie angefangen, das Dachgeschoss im Eigenheim ihrer Eltern mit einer größeren Gaube zu versehen, damit sie, ihr Lebensgefährte Dirk und die beiden gemeinsamen Kinder Ezra* (5) und Mireille* (2) nicht ganz so beengt unter den Schrägen hocken mussten. Die Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten hatte ihr Vater übernommen, es ist ja sein Haus, er wohnt mit seiner Frau parterre. Aber für die Innenverkleidung, den Fußboden und die Installationen sollten sie selbst aufkommen. Dirks Ersparnisse von 4000 Euro waren rasch ausgegeben, für mehr reichte es nicht, und deshalb sitzt man jetzt unter der schwarzen, rohen Dachisolierung und auf Spanplatten, die provisorisch mit abgenutzter Auslegeware abgedeckt sind, auf einer Baustelle eben.

Dass aber im gemeinsamen Heim des Paares Martina Schulz (40) und Dirk Peters* (33) in Obershagen auch ansonsten kaum ein Ding an seiner Stelle ist, mag doch eher an extremer Duldsamkeit gegenüber den tradierten Geboten bürgerlicher Haushaltsführung liegen. Namentlich die Kochnische brauchte eine reinigende Hand. Die kleine Mireille sitzt morgens um elf da, wo sie nach der Vorstellung der Eltern wohl hingehört, nämlich vor dem Fernseher, es läuft das morgendliche Kindersedativ von Super RTL.

Ein wenig sieht das gesamte Leben des Paares nach ungeplantem, stockenden Fortgang aus. Die beiden sind seit sieben Jahren zusammen, unverheiratet, die Kinder kamen unerwartet. Man hätte einander längst geehelicht, sagt Dirk, wenn das Geld dafür da wäre. Die Familiengründung hat bei ihr ein Partyleben beendet, an das sie gern zurückdenkt. Er dagegen hat mit Zehnkampf und Rugby aufgehört, in seiner immer noch ausgeprägten Muskulatur des Oberkörpers laufen augenscheinlich Verwandlungsprozesse zu Fettgewebe.

Gelernt hat sie Friseuse. Ehe sie vor sechs Jahren in Elternzeit ging, war sie Maschinenführerin bei einem Backmittelhersteller. Heute putzt sie nachmittags in einem Kindergarten. Außerdem, sagt sie, "mache ich ab und zu Haare, aber die zehn Euro dafür gebe ich dann auch wieder der Kollegin, die mir die Haare macht".

Er arbeitet als Kundenmanager, organisiert Transporte für Kopierer. Vor einiger Zeit war er drei Monate lang arbeitslos, ohne Arbeitslosengeld, weil "der Antrag bei der Arbeitsagentur verloren gegangen ist". Er war dreimal dort, beim letzten Mal ist er ausgeflippt und von der Polizei hinausgeführt worden. "Man hätte natürlich einen Anwalt nehmen können, aber der muss auch bezahlt werden." Aus der Zeit hängen ihnen Schulden an.

Illusionen über ihre wirtschaftliche Lage geben die beiden sich nicht hin. Dirk Peters: "Es ist notdürftig. Wir zahlen keine volle Miete, sonst würden wir gar nicht klarkommen. Man lebt nur für die Arbeit, sonst ist nichts mehr drin." Martina Schulz: "Es ist ziemlich knapp, es fehlt an allen Ecken."

Er braucht zum Beispiel Hosen: "Ich habe in der Firma jetzt einen Schreibtischjob übernommen." Die Folge: Mangels Bewegung werden die Hosen eng. Es steht zwar eine Gehaltserhöhung von 300 Euro in Aussicht, allerdings wird er dann mehr Kundenkontakte haben, da müssen Stoffhosen und ordentliche Hemden her. Es fehlen die Rigipsplatten und Tapeten für die Baustelle, auch ein Badezimmer, eigentlich eine komplette Einrichtung. Der Renault Scenic, Baujahr 2003, den Martina Schulz als Familienkutsche fährt, hätte einen neuen Reifen nötig, vorn rechts ist das Reserverad drauf. Die Klimaanlage ist kaputt, ein Keilriemen müsste her.