Wer hinschaut, kann die Spuren der Abnutzung auf der Jeans von Alexandra Schröder gut erkennen. Die helle Stelle am Gesäß bildet die Form des Fahrradsattels nach, und das liegt daran, dass das Rad ihr viel benutztes Instrument zur Alltagsbewältigung ist. Gerade zieht sie mit dem Fahrrad den Anhänger nach Hause, den die Familie vor Jahren für stolze 1500 Mark angeschafft hatte, um mit den damals noch kleinen Töchtern auf Wochenendtour zu gehen oder sie in den Kindergarten zu fahren. Aylin und Muriel sind heute zwölf und acht Jahre alt. Der Anhänger wird jetzt, nach der Scheidung, da die Mutter ohne Auto allein klarzukommen hat, für den Wocheneinkauf genutzt, und er ist vollgestapelt.

Alexandra Schröder hat eineinhalb Stunden konzentrierte Einkaufsarbeit am Stadtrand von Celle hinter sich. Ihre Shoppingliste war detailliert ausgearbeitet. Auf der Rückseite waren die Gerichte notiert, die sie in den kommenden fünf Tagen kochen will. Auf der Vorderseite waren die einzelnen Bedarfsposten aufgelistet, links Lebensmittel, rechts oben Hygieneartikel, rechts unten dies und das.

"Mehr Netto für alle". Alexandra Schröder nimmt den Slogan beim Wort, der in dem gleichnamigen Discountmarkt über den Regalen schwebt: Auch sonst nutzt sie systematisch jene Handelsketten, die auf den Bedarf und die Möglichkeiten der Menschen mit kleinem Portemonnaie ausgerichtet sind. Wenn sie nicht zu Netto fährt, steuert sie Aldi, Lidl, Plus oder Penny an, die alle in fahrradkompatibler Entfernung vertreten sind und deren Prospekte mittwochs und samstags in den Briefkästen am Stadtrand von Celle liegen, wo die Familie Schröder wohnt.

Auf dem Netto-Flyer der Woche hat sie die Rauchenden zu 1,39 Euro, die Puten-Dinos zu 2,29 Euro, zweimal Pedigree Gelenk-Aktiv Hundefutter zu 2,99 Euro und die Königsbegonie im Topf zu 1,99 Euro angekreuzt. Im Laden angekommen, braucht sie dann nur einen Moment, um bei den Tomaten durchzublicken und aus dem etwas unübersichtlichen Angebot von Minirispen, Biostrauch-, Fleisch- und Rispentomaten, die teils zu Pfund-, teils zu Kilopreisen ausgezeichnet sind, gleich die günstigsten zu 99 Cent das Pfund auszuwählen. Sie hat je eine Literflasche von Säften und Mineralwasser eingepackt, dazu aber auch zwei Miniflaschen eines Sportgetränks – die werden die Töchter in den nächsten Tagen als Schulgetränk mitnehmen, und sie werden immer wieder neu befüllt werden. So spart man die robusten, aber teuren Aluminiumtrinkflaschen, die den Kindern ohnehin gern einmal verloren gehen. Alexandra Schröder hat für sich selbst geschnittenes dunkles Brot gekauft, kleine Scheiben, die schnell verzehrt sind, ehe sie schimmeln. Auch eine frische Feige hat sie genommen, für ihr Müsli, und eine Nashi-Birne aus China – Tochter Muriel mag die Exotenfrucht. Am Ende kostet der Wocheneinkauf nicht die erwarteten 100 Euro, sondern nur 67,36 Euro.

Wie man vernünftig mit Geld umgeht, hat Alexandra Schröder von ihrem Vater gelernt. Sie geht immer nach dem Mittagessen einkaufen, nie mit leerem Magen. Sie raucht nicht, kauft nichts auf Raten, bestellt nichts beim Pizzaservice. Nach Kinderklamotten schaut sie bei der Kleiderbörse, da findet man eine Kangaroo-Strickjacke für drei Euro.

"Ich habe nicht das Gefühl, arm dran zu sein", sagt Alexandra Schröder. "Man kann auch mit wenig gut auskommen. In der Geldknappheit liegt auch die Chance, bewusst zu leben. Wenn ich Fahrrad fahre, bekomme ich den Gratisnutzen, auch mal einen frisch gemähten Rasen riechen zu können. Oder ich spüre den Regen, das sind Kleinigkeiten, die nichts kosten."

Dass mit der Scheidung auch der Abschied vom Wohlstand verbunden war, macht ihr nichts aus. Sicher, damals standen für die Familie 4000 Euro netto im Monat zur Verfügung. Es gab das eigene Haus in der schmucken historischen Innenstadt, es gab den VW-Bus für die Familie und für sie selbst den VW-Polo als Zweitwagen. Es gab einmal die Kreuzfahrt in die Karibik und die fünfwöchige Hochzeitsreise nach Hawaii. Es gab auch jede Menge Schmuck für sie, aber der läuft jetzt in irgendeiner Schublade an. Eine Ehe beendet zu haben, in der sie nicht glücklich war, und nun endlich auf eigenen Beinen zu stehen, das hebt den materiellen Verlust für sie locker auf.