Diesmal tanzt der Kongress nicht. "Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Finanzkrise" wurde die für diesen Freitag in der Frankfurter Alten Oper geplante "Finanzplatzgala" abgesagt. Normalerweise ist sie der Höhepunkt des alljährlichen Branchentreffs Euro Finance Week. Doch feiernde Banker passen einfach nicht in die Zeit – und so müssen sich die Vertreter der Kreditwirtschaft mit Stehempfängen und Hausmannskost begnügen.

Gut möglich, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Es kämen "noch eine Reihe von Belastungen" auf die Geldhäuser zu, warnte Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. "Wir sind weit davon entfernt, das Schlimmste überstanden zu haben", so Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Es geht dabei nicht mehr nur um amerikanische Immobilienkredite, zunehmend macht auch die globale Wirtschaftsschwäche den Banken zu schaffen. Die Finanzkrise 2.0 beginnt.

Während einige Banker bereits darüber nachdenken, wie sie den Staat schnellstmöglich wieder loswerden, bereiten sich Regierungen und Aufsichtsbehörden rund um den Globus auf neue Löcher in den Bankbilanzen vor. Und auch wenn derzeit öffentlich noch keiner darüber reden will, könnte der Staat bald gezwungen sein, die mühsam ausgehandelte Milliardenhilfe noch einmal aufzustocken. Dann hätte endgültig die Politik das Sagen im Finanzsektor – ob sie will oder nicht.

Raghuram Rajan ist kein Linker. Er war viele Jahre lang Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), heute lehrt er an der Universität Chicago, einer Hochburg konservativer Ökonomen. Hier haben zum Beispiel die Chicago Boys studiert, jene Gruppe von radikalen Wirtschaftswissenschaftlern, die in den siebziger Jahren Chile den Marktkräften übergab. Rajan ist nach Frankfurt gekommen. Er spricht auf einer Konferenz der Europäischen Zentralbank. Es gefalle ihm zwar nicht, sagt er, aber der Finanzsektor brauche "mehr Geld und mehr staatliche Eingriffe".

In den USA werden die Weichen dafür bereits gestellt. Finanzminister Henry Paulson hat seinen ursprünglichen Plan aufgegeben, faule Wertpapiere aufzukaufen. Er will hilfsbedürftige Institute jetzt ausschließlich mit Kapitalspritzen stützen – und darüber hinaus neben den Banken auch Kreditkartenfirmen oder Studentenkredite subventionieren. Damit verschafft sich die Regierung mehr Handlungsspielraum und macht das Programm, so hofft man zumindest in Washington, effizienter. Knapp 300 der bewilligten 700 Milliarden Dollar hat Paulson bereits verteilt, vor allem an die großen Wall-Street-Firmen. Fast 1.000 Banken haben Hilfen beantragt.

In Deutschland hält der Sonderfonds für Finanzmarktstabilität (Soffin) 80 Milliarden Euro für Kapitalhilfen und Wertpapierkäufe bereit. Ein gutes Dutzend Anträge auf Unterstützung ist beim Soffin eingegangen, die Commerzbank hat acht Milliarden Euro erhalten. Auch in anderen EU-Ländern ist die Rekapitalisierung in vollem Gang, wurden zusätzlich umfangreiche Kreditgarantien gewährt.

Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die Staaten rekapitalisieren die Banken – und zugleich zehrt die Krise deren Kapital weiter auf. Nach Schätzungen der Bank of England summieren sich die Wertverluste aus Anlagen in amerikanischen Finanzinstrumenten allein in Europa und in den USA auf 2.800 Milliarden Dollar – das entspricht etwa 85 Prozent des Kernkapitals der Banken vor Ausbruch der Turbulenzen.