Martin Kind verdient sein Geld mit Hörgeräten. Vor 38 Jahren hat er das Geschäft von seinen Eltern übernommen. Heute verkauft er vom niedersächsischen Großburgwedel aus die Hörhilfen in über 60 Länder. Im Nebenberuf managt Kind die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA. In den neunziger Jahren hat sein Geld den Verein vor der Insolvenz bewahrt, und jetzt ist ihm daran gelegen, den Club dauerhaft in der Fußball-Bundesliga zu etablieren. Weil er dafür aber nicht noch mehr eigenes Geld in den Club stecken will, braucht er fremdes Kapital. Seit zwei Jahren kämpft Kind deshalb schon dafür, dass sich der deutsche Fußball für Investoren öffnen darf – und dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) die 50+1-Regel abschafft. Die verbietet es den deutschen Clubs im Gegensatz zu anderen großen Ligen in Europa, die Mehrheit der Stimmen von ihren Kapitalgesellschaften zu veräußern.

Es gibt keinen Passus in den Satzungen des DFB, also des Dachverbandes des deutschen Fußballs, und der DFL, der die Liga so spaltet wie die Mehrheitsregel. Zum sind da jene Vereine, die Angst vor Heuschrecken oder russischen Oligarchen haben. Es gibt aber auch Clubs, die von den Zuständen in England schwärmen, von Investoren wie Malcom Glazer, dem Eigentümer von Manchester United, oder von Stan Kroenke, der sich mit 100 Millionen Euro bei Arsenal London eingekauft hat. "Es geht um internationale Wettbewerbsfähigkeit", sagt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München.

Kind, Rummenigge und die Werksvereine aus Wolfsburg und Leverkusen bilden die offizielle Opposition gegen die Traditionalisten. Sie wissen, dass es ohne diese Klausel leichter wäre, an frisches Kapital zu kommen. Die Einnahmen der Liga aus den Verkäufen von Fanartikeln und Werbeflächen gelten als ausgereizt. Und nachdem das Kartellamt die Pläne der DFL durchkreuzte, den Fußball über die Kirch-Tochter Sirius exklusiver für den Bezahlsender Premiere zu vermarkten, um so in den nächsten sechs Jahren drei Milliarden Euro einzunehmen, bleibt den Vereinen eigentlich nur das Geld von Financiers.

Kind hatte zudem immer wieder betont, nur regionale Investoren über eine Kapitalerhöhung an Hannover 96 beteiligen zu wollen. Er legte der DFL zudem einen Kriterienkatalog vor, der für Investoren eine zehnjährige Haltefrist, eine Sperrminorität für die Vereine und eine Art Due Diligence vorsieht, um herauszufinden, ob ein Interessent auch ernsthafte Absichten verfolgt. Kind ging stets davon aus, dass sich der deutsche Fußball irgendwie auf einen Kompromiss würde einigen können, auf einen deutschen Weg. Bis Mitte August wollte die DFL ein Rechtsgutachten zu seinen Vorschlägen vorlegen. "Das ist bis heute nicht geschehen", sagt Kind. Umso überraschter war er, als er Mitte Oktober aus der Presse erfahren musste, dass der Ligavorstand an der umstrittenen Regel nun doch nichts ändern wolle. Liga-Präsident Rauball sagte, dass "dieser Beschluss unter Berücksichtigung der Argumente von Hannover 96 getroffen" wurde. Kind hingegen moniert: "Keiner hat sich zuvor bei mir gemeldet."

Seit Monaten bemüht die DFL vor allem ein Argument: "Es geht uns um die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Liga", sagt Geschäftsführer Christian Seifert. Gern verweist er auf das Beispiel Hoffenheim: "Wir haben ja Investoren. Denken Sie an Herrn Hopp. Er hat gewiss großen Einfluss auf das Gedeihen seines Clubs und fühlt sich trotzdem nicht geknebelt von unseren Statuten."

Nur zeigt sich gerade im Fall Hoffenheim, wie antiquiert die 50+1-Regel ist. Hopp gilt vielen als Inbegriff für die Kommerzialisierung des Fußballs. "Ich bin das Gesicht dazu", sagte er kürzlich dem Spiegel. Dortmunder Fans nahmen ihn auf einem Plakat sogar ins Fadenkreuz. Hopp hat seit 1998 über 100 Millionen Euro in Infrastrukturprojekte wie den Bau des neuen Stadions und der neuen Nachwuchsakademie gesteckt. Die Spielbetriebs GmbH selbst aber verfügt über einen der geringsten Etats der Liga und schreibt dennoch womöglich schon in dieser Saison schwarze Zahlen. An dieser GmbH hält Hopp über eine stille Beteiligung 49 Prozent. Auch er sagt: "Wenn 50+1 irgendwann doch fallen sollte, werden die Einlagen in Eigenkapital umgewandelt, dann werde ich mehr Anteile haben."

Am 21. November entscheidet die Mitgliederversammlung der 36 Bundesligisten über 50+1. Martin Kind brauchte eine Zweidrittelmehrheit, um die Klausel abzuschaffen, doch die ist nicht in Sicht. Nicht einmal die Hälfte aller Vereine hat ihre Profiabteilungen in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert, kann also gar keine Anteile verkaufen. Warum also sollten Schalke, Stuttgart oder der HSV durch ihre Zustimmung die Konkurrenz stärken?