Die Dimension des Problems zeigt, dass etwas falsch läuft in diesem Land: Mindestens jeder neunte Erwachsene in Deutschland ist Diabetiker – Tendenz steigend. Trotz guter finanzieller Ausstattung erzielen die vielfältigen Behandlungs- und Betreuungsangebote für die Zuckerkranken nur mediokre Ergebnisse – vor allem bei der Vermeidung der Spätfolgen (im europäischen Vergleich liegt Deutschland auf Platz 19). Viel zu oft werden Diabetiker dialysepflichtig, ihnen werden Beine abgenommen, sie erblinden oder erleiden Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Um die Lage zu verbessern, hat sich jetzt diabetes DE gegründet. Die neue Dachorganisation soll die Kompetenz von Patienten- und Selbsthilfegruppen, Diabetologen, Wissenschaftlern und Diabetesberatern bündeln und ihnen zu politischer Schlagkraft verhelfen. Ein Schritt, den man angesichts von 1400 Diabetes-Organisationen in Deutschland, die eher gegeneinander als miteinander arbeiten, nur willkommen heißen kann.

Vor diabetes DE liegen gewaltige Aufgaben, und die verbesserte Behandlung der Diabetiker ist noch die leichteste. Viel notwendiger wäre ein drastischer Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Mehr als 90 Prozent der Erkrankten leiden unter Altersdiabetes, Ergebnis konsequenter Bewegungsvermeidung, von Übergewicht und falscher Ernährung.

Gegen Letzteres sollte man die Politik zu Hilfe rufen: Sie muss der mächtigen Zuckerlobby auf die Finger klopfen. Diese Branche hat es fertiggebracht, ihre Produkte vom Gewürz zum Grundnahrungsmittel umzudeklarieren. Sich vor überzuckerten Lebensmitteln zu schützen ist für den Normalbürger kaum möglich. Solange in jede 100 Gramm normalen Fruchtjoghurts – ein vermeintlich gesundes Nahrungsmittel – 18 Gramm Zucker gekippt werden, ist der Kampf gegen Diabetes nicht zu gewinnen.