Am 16. Januar 1919 notierte der Marineoffizier Ernst von Weizsäcker, später Staatssekretär des Auswärtigen Amtes unter Hitler, in sein Tagebuch, was ihm der Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung gerade unter dem Siegel "absoluter Geheimhaltung" anvertraut hatte: "daß er bei der Überführung Liebknechts in das Gefängnis eine Autopanne im Tiergarten fingierte, Liebknecht dann am Arm nahm, um ihn zu führen, ihn absichtlich losließ, um ihm die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch zu geben, und dann nach kurzem Abwenden hinter L(iebknecht) herschoß; Liebknecht wurde getroffen und von mehreren Schüssen getötet. Ich rate Pflugk zur Flucht."

Weizsäcker behielt sein Wissen für sich. So blieb der Hergang der Mordtat an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 unaufgeklärt. Die Zeitungen vom 16. Januar titelten ganz im Sinne der Mörder: Liebknecht auf der Flucht erschossen! Rosa Luxemburg von der Menge getötet! Und das anschließende Verfahren vor dem Kriegsgericht wurde zu einem der schauerlichsten Lügenprozesse der deutschen Rechtsgeschichte. Er endete mit Freisprüchen für einige der Hauptbeteiligten, unter anderem auch für Pflugk-Harttung. Hauptmann Waldemar Papst, die Schlüsselfigur des Mordunternehmens, blieb ungeschoren. Er durfte sich noch 1962 in der Bundesrepublik in einem Interview mit dem Spiegel rühmen, er habe die beiden Kommunistenführer "richten lassen".

Unaufgeklärt blieb vor allem bis heute die Rolle des sozialdemokratischen Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske ("Einer muß der Bluthund werden"). Hatte er Papst nach der Verhaftung Liebknechts und Luxemburgs und ihrer Überführung ins Eden Hotel am Abend des 15. Januar den Befehl zum Mord gegeben? Hatte er seine stillschweigende Billigung der Tat durchblicken lassen? Oder hatte er sich ganz bedeckt gehalten?

In diesen Tagen versendet die rührige Edition Nautilus in Hamburg eine Pressemitteilung, in der sie "ein Schlüsselwerk der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts" ankündigt: Klaus Gietingers Biografie Der Konterrevolutionär. Waldemar Papsteine deutsche Karriere. Der Autor, heißt es, habe zahlreiche bisher unbekannte Quellen unter anderem in Moskauer Archiven, in Archiven der Staatssicherheit und in Papsts Nachlass aufgespürt. So könne er "Papsts umfangreiche Zusammenarbeit mit der Führungsriege der SPD, sein Bündnis mit dem sozialdemokratischen Oberbefehlshaber Noske und dessen Billigung des Mordes an Luxemburg und Liebknecht" belegen.

Sollte sich die Ankündigung bewahrheiten, wäre dies eine Sensation. 90 Jahre nach der Mordtat wäre damit eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie aufgeklärt – und zugleich eines der größten Tabus ihrer Geschichtsschreibung gebrochen. Volker Ullrich