Bühnenreif ist die Politik in diesen Tagen allein in Hessen, weshalb unsere Bühne vorübergehend, bis zum Wahltag am 18. Januar, von Wiesbaden aus bespielt wird. Eine Bühne muss schließlich dort stehen, wo es noch Theater gibt! Obwohl: Eigentlich ist die hessische Politik ja vor allem Kerner-kompatibel. Und Beckmann-affin. Nachdem Andrea Ypsilanti, die vier Rechtsabweichler, dann wieder Ypsilanti, Thorsten Schäfer-Gümbel und noch mal Ypsilanti an Beckmanns Tisch und auf Kerners Stühlen Platz genommen hatten, war nun Roland Koch an der Reihe, sich öffentlich-rechtlich als bedingt fehlbarer Hesse zu präsentieren. Das Muster ist stets das gleiche: Zuerst beichtet der Hesse/die Hessin eine Sünde, Wortbruch, zu späte Entdeckung des Gewissens, falscher Wahlkampf. Dann führt er/sie aus, dass die Sünde keine ist, weil sie a) Unziemliches verhindert hat wie Kochs Machterhalt oder Ypsilantis Machtübernahme oder weil sie b) Teuflisches enthüllt hat wie das Wortbruch-Bündnis aus Ypsilanti, Al-Wazir und den Kommunisten. Dann kommen stets andere zu Wort. Eine Schauspielerin, deren berühmter Vater der berühmten Mutter vorwarf, ihn für die Stasi ausspioniert zu haben, und die beide, Vater wie Mutter, früh starben. Oder Contergan-Geschädigte, die mit einem Hungerstreik für eine menschenwürdige Entschädigung demonstrieren. Was für Schicksale! Welches Leid! Was für ein Hessen! Und am Ende, wenn einem die Tränen über die Wangen schießen, weiß man gar nicht mehr, wo endet die Politik, wo beginnt das Schauspiel, wer ist Koch und wer nur Kerner. Hessens Politik ist dort angekommen, wo sie hingehört. Bei Beckmann – und in der Bühne. Peter Dausend

Hessische Bühne