In der öffentlichen Diskussion des Westens erscheint Iran als der internationale Beelzebub schlechthin. Seine Führung möchte angeblich so rasch wie möglich eigene Atomwaffen entwickeln und damit Israel ausradieren, zur beherrschenden Macht des Nahen und Mittleren Ostens werden und alle westlichen Bemühungen um Stabilität und Konfliktlösung konterkarieren.

Es ist Zeit, zur Besonnenheit zurückzukehren. Das gilt zunächst für das Ausmaß der befürchteten Gefahr: Zwar hat die Regierung in Teheran lange kritische Atombemühungen verheimlicht und eine Zeit lang sogar an einem militärischen Programm gearbeitet. Aber noch ist Iran vom Besitz der Bombe weit entfernt und beteuert, ihn auch nicht anzustreben. Die internationale Aufsichtsbehörde IAEA registriert bei den von ihr inspizierten Anlagen einen Anreicherungsgrad weit unterhalb der für eine Bombe erforderlichen Verdichtung. Und selbst wenn Iran eines Tages über eine einsatzfähige Atombombe verfügen sollte, blieben die USA und Israel ihm haushoch überlegen. Die Drohung mit nuklearer Vergeltung würde auch die Mullahs vom Einsatz der Bombe abhalten.

Dennoch bleiben Anstrengungen geboten, eine solche Entwicklung aufzuhalten. Doch auch hier ist Nüchternheit am Platz. Die Mittel, die der Westen seit sechs Jahren anwendet, haben nichts gefruchtet, im Gegenteil: Der Anreicherungsprozess wurde beschleunigt, die Vetomacht Irans bei der Lösung der wichtigsten Konflikte (der Stabilisierung Afghanistans, des Iraks und des Libanons sowie der Suche nach einer Einigung zwischen Israel und den Palästinensern) ist stetig gewachsen. Wirtschaftssanktionen wie militärische Drohungen blieben folgenlos.

Wenn auch Verhandlungen kaum vorangekommen sind, trifft die Schuld nicht vorrangig die Islamische Republik. Im Mai 2003 legte Iran den USA ein umfassendes Gesprächsangebot vor, das sogar die indirekte Anerkennung Israels in Aussicht stellte – die Bush-Regierung wischte es vom Tisch. Später unterbrach Iran vorübergehend die Anreicherung und gewährte der IAEA zusätzliche Inspektionen. Nennenswerte Gegenleistungen, vor allem seitens der USA, blieben aus, und der Iran zog seine Konzessionen zurück. Seither blockiert der Westen Verhandlungen mit der Forderung, zuvor müsse Iran die Anreicherung aussetzen.

Wie soll es weitergehen? Zwei Schritte des Westens sind notwendig: Erstens muss er die Vorleistungsforderung fallen lassen. Zweitens muss er erkennen, dass Fortschritte in der nuklearen Frage von solchen in der Gesamtbeziehung zu Iran abhängen. Das verlangt einen massiven Bewusstseinsschub – weg von der Dämonisierung des Regimes zu seiner Anerkennung, weg von der Konfrontation zum Angebot der Entspannung. Im Kalten Krieg hat das westliche Zwillingskonzept Abschreckung und Entspannung Wandel durch Annäherung ermöglicht; warum nicht auch gegenüber Iran?

Garantieren kann das niemand. Aber da die bisherige Strategie versagt hat, ist eine neue zu versuchen ein Gebot der Klugheit. Einer wenigstens scheint das verstanden zu haben. Schon im Wahlkampf hatte Barack Obama seine Bereitschaft angekündigt, als US-Präsident Verhandlungen mit Iran zu führen – ohne Vorbedingungen und nicht nur über die Atomfrage. Spätestens nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 könnte er die Probe aufs Exempel riskieren.

Im Frühjahr 2008 ist von Christoph Bertram "Partner, nicht Gegner – für eine andere Iran-Politik" bei edition Körber erschienen