Der Undank der Enkel

Ahmad Moqadassi blickt durch das Schaufenster seiner Apotheke hinaus auf den Märtyrerplatz. "Angst", sagt er, "bedeutete damals nichts." Ein Satz, der vielleicht zu groß klänge, würde er nicht von einem Apotheker gesprochen, zwischen Prothesenkleber, Kinderpuder und Kniebinden. Moqadassi ist 61, sein Haar ist weiß, die Lesebrille baumelt an einer Kordel. Da draußen vor seiner Apotheke ist die persische Monarchie zugrunde gegangen, an einem Septembermorgen vor 30 Jahren. Ein paar Tage zuvor hatten die Demonstranten Blumen auf die Gewehrläufe der Soldaten gesteckt, es waren Millionen auf der Straße, und die Soldaten hatten gelacht. An diesem Morgen war alles anders. Der Schah hatte Kriegsrecht verhängt, die Leute wussten es nicht, oder es war ihnen gleichgültig. Sie waren noch nicht viele am frühen Morgen, als die Soldaten aus den Nebenstraßen anrückten. Wenig später lagen 200 Tote auf dem Platz.

Es war der 18. September 1978, Teherans "Schwarzer Freitag". Das Schah-Regime würde sich von diesem Tag nie mehr erholen; vier Monate später flieht der Kaiser.

Moqadassi, der Apotheker, fuhr an jenem Freitagmorgen umher, um die Schwerverletzten zu versorgen. Zur Tarnung saßen Frau und Kinder mit im Auto. Moqadassi hatte mit 16 begonnen, gegen den Schah zu kämpfen. "Bitte denken Sie nicht, wir Iraner würden die Gewalt lieben. Ich habe meinen Kindern nie eine Ohrfeige gegeben."

Draußen vor der Apotheke ist das Gedenken an die Toten der Revolution schon lange in Abgaswolken verweht. Der berühmte Platz ist nur noch eine Straßenkreuzung; Teherans Stadtplanung hat den historischen Ort zerschnitten. Jedes Mal, wenn Moqadassi hinausschaut, schmerzt ihn das. "Es ist unfair, was sie dem Platz angetan haben."

Als die Revolution siegte, waren das für ihn die schönsten Tage seines Leben. Er bewahrt sich still die Schönheit der Erinnerung. Was er draußen sieht, gefällt ihm nicht. Und weil Iran ein Land ist, in dem Angst wieder eine Bedeutung hat, wissen alle in dieser Apotheke, dass nicht nur von einem Platz die Rede ist.

Eine unbewaffnete Bewegung siegt gegen eine der bestausgestatteten Armeen der Welt

Dies ist der Bericht von einer Spurensuche, einer Suche nach den Spuren der Revolution in den Erinnerungen der Beteiligten. Es ist eine Suche innerhalb Irans, bei jenen also, die geblieben sind; Ausgewanderte, Geflohene, Vertriebene hätten anderes zu erzählen. Und weil diese Geschichte in Iran spielt, handelt sie nebenbei auch von einem Generationskonflikt. Die Mehrzahl der heutigen Iraner wurde erst nach der Revolution geboren.

Historikern und Soziologen fällt es bis heute schwer, zu erklären, was 1978/79 geschah. Binnen weniger Monate stürzte eine überwiegend unbewaffnete Bewegung ein Regime mit einer der bestausgestatteten Armeen der Welt, bis zuletzt unterstützt von den USA. Es war The Unthinkable Revolution, so der Titel einer Studie des amerikanischen Soziologen Charles Kurzman. Unblutiger als die Französische und die Russische Revolution, war die iranische zugleich viel populärer, sagt Kurzman. Der Grad aktiver Beteiligung unter den damals 35 Millionen Iranern machte sie zu einer wirklichen Volksrevolution.

Was hat sie befeuert? Auf dem Land darbten die Menschen; fast jeder Zweite lebte unter der Armutsgrenze, und in den wachsenden Slums der Großstädte hausten Bauern, denen eine verfehlte Agrarreform die Existenz geraubt hatte. Die sozialen Gegensätze waren obszön; eine kleine Oberschicht lebte zwischen Dior, Juwelen und Champagner wie im Bilderbuch westlicher Dekadenz. Das Schlimmste aber war: Der Schah war in den Augen seines Volkes Despot und Marionette zugleich; brutal nach innen, willfährig nach außen – und bei alldem zutiefst gottlos.

Junge Männer in dandyhaften Jacketts, weiß, tailliert, andere mit langen Haaren. Junge Frauen mit und ohne Kopftuch, das Haar modisch toupiert. Auf alten Fotos ist die Vielfalt der Opposition gegen den Schah noch zu erkennen. Später legte sich über alles der übermächtige Schatten von Ajatollah Chomeini. Der Nachwelt blieb ein irriges, ungerechtes Bild von einem großen Freiheitskampf.

Sie wollen einen "kraftvollen und gerechten" Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz

Kaum jemand stand abseits. Viele Iraner sagen heute, sie seien "mitgerissen" worden. "Ich ging demonstrieren, weil alle gingen. Ich streikte, weil alle streikten." Selbst Desertion wurde ein Massenphänomen – und zivile junge Iraner rasierten sich den Schädel, damit die Deserteure mit ihrem militärisch gestutzten Haar besser untertauchen konnten.

Mohamed Hassan Inalu stand damals als Wachsoldat vor dem Schah-Palast. Er war 20, seine Uniform sah amerikanisch aus, und auch in seinem Schlafsack stand: "Made in U.S." Die kaiserliche Familie war schon geflohen, aber die Revolution hatte noch nicht gesiegt – und dann flogen eines Morgens die Tore auf zum Palastgelände, und Inalu erlebte voller Glück seine Entwaffnung. "Eine riesige Menge stürmte herein, darunter bewaffnete Revolutionäre. Sie griffen mich und die anderen Soldaten und sperrten uns in einen Raum. Ich sah noch, dass manche begannen, Antiquitäten wegzuschleppen. Nach zwei Stunden kamen ein paar unbewaffnete, normale Leute; sie ließen uns frei. Wir mussten unsere Uniformen ausziehen, sie gaben uns Zivilkleider und sagten: Haut ab! Ich war froh, denn ich wollte mit dem Volk sein. Ich hätte gerne mein Gewehr mitgenommen und es der Revolution gegeben, aber das durfte ich nicht."

Inalu, nun 50, erzählt mit einer Frische, als sei alles gestern gewesen. "Es war ein einzigartiger Tag in meinem Leben. Ich werde ihn nie vergessen."

Der Undank der Enkel

Das Gefühl, von einer Massenbewegung getragen worden zu sein, hat im Rückblick sogar eine physische Dimension. Eine Hausmeisterin berichtet von dem Marsch der Millionen bei der Rückkehr Chomeinis: "Manche wurden ohnmächtig, sie wurden auf Händen weitergetragen." All diese Zeitzeugen waren damals jung, und Jugenderinnerungen sind immer anfällig für Nostalgie. Und doch haben diese Erinnerungen in Iran einen ganz besonderen Wert: Sie erzählen von einem furchtbar kurzen Frühling der Freiheit.

Februar 1978: Die Stadt Täbris, im aserbajdschanischen Nordwesten Irans, wird zur ersten Bühne des Volksaufstands. Aserbajdschan, Tor zu Europa und zum Kaukasus, hat in der Geschichte Irans wichtige Dichter, Denker, Erzieher hervorgebracht. Nun wird Täbris zum zweiten Mal Hochburg einer Revolution. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften die Aserbajdschaner am leidenschaftlichsten für eine konstitutionelle Beschränkung der Monarchie; diese Verfassungsrevolution wurde niedergeschossen mit russischer Hilfe.

Weltbild und Selbstverständnis der gebildeten Iraner formten sich durch solche Demütigungen. Erneut verlangen sie nun Rechtsstaatlichkeit und Unabhängigkeit von ausländischer Einmischung. Shirin Ebadi, später Friedensnobelpreisträgerin, schildert in ihrer Autobiografie (Mein Iran) am Beispiel ihrer Familie minutiös den anschwellenden Groll der Mittelschicht in den Jahrzehnten vor der Revolution. Ihr Vater verliert 1953 seinen Posten, als ein von Amerikanern und Briten inszenierter Putsch den beliebten Premierminister Mossadegh stürzt – er hatte die Ölindustrie nationalisiert.

Mit amerikanischer Hilfe wird nun der Geheimdienst Savak aufgebaut; er wird Tausende Oppositionelle foltern. Als Ebadi in den sechziger Jahren Jura studiert, nimmt sie schon "regelmäßig" an Demonstrationen teil. 1971 ist die junge Richterin entsetzt über die Verschwendungssucht des Schahs: Zur 2500-Jahr-Feier des Perserreiches lässt er aus Paris Wein und Speisen für 25000 Gäste einfliegen – während Teheran anschwillt mit Millionen armer Landflüchtiger. Beim Aufstand 1978 klettert Ebadi, wie Millionen Teheraner, jeden Abend um 21 Uhr aufs Dach, um als Protest gegen die Ausgangssperre eine halbe Stunde lang "Allahu Akbar!" zu brüllen.

"Es schien mir – einer gebildeten, berufstätigen Frau – kein Widerspruch zu sein, eine Opposition zu unterstützen, die ihren Kampf gegen Missstände im Gewande der Religion führte. Der Glaube spielte im Leben der Mittelschicht eine zentrale Rolle." Sie beteiligt sich am Sturm auf das Büro des schahtreuen Justizministers, erlebt den Sieg der Revolution als ihren eigenen. Der Rest ist bekannt: Ebadi verliert, weil sie Frau ist, ihr Richteramt, wird couragierte Anwältin für Menschenrechte. Soeben wurde sie in Deutschland erneut geehrt, die Evangelische Akademie Tutzing verlieh ihr den Toleranzpreis. 30 Jahre Erfahrung mit Revolution und Restauration resümiert sie so: Gegen irdische Herrschaft nähmen die Menschen eher den Kampf auf als gegen eine Unterdrückung, die sich "der Religion ihrer Vorfahren als Legitimation" bediene.

In Kurven führt die Straße am Evin-Gefängnis vorbei. Fast nichts davon ist zu sehen, nur ein paar Wachtürme. Das riesige Gefängnis wurde in den braunen Berghang hineingebaut, nie sehen die Häftlinge Tageslicht. Der Taxifahrer gibt Gas, er hat Angst aufzufallen. Auch Evin erlebte einen kleinen Frühling der Freiheit, als im Februar 1979 die Häftlinge herausstürmten, irre Freude in den graubleichen Gesichtern. Manche politischen Gefangenen hatten hastig ihre Akten in der Registratur gesucht, hielten sie nun triumphierend hoch.

Emaddedin Baghi war damals 17, ein glühender Jungrevolutionär, er strolchte über das Gefängnisgelände, blickte in die Zellen, wo seine Idole eingesessen hatten, und dachte: Was wird aus Evin werden, vielleicht ein Park? An dieser Stelle muss die Erzählung abbrechen – Baghi kann nicht sprechen, er sitzt im Evin-Gefängnis, schon zum zweiten Mal. Aus dem Jungrevolutionär von 1979 wurde ein Historiker und Journalist. Bei einer früheren Begegnung lernten wir ihn kennen als einen bedächtig wirkenden Mann, der die Ziele der Revolution – "Freiheit und Gerechtigkeit" – gegen ihre "Korrumpierung" verteidigte. Baghi hat sich durch furchtlose Artikel hervorgetan, vor allem über die sogenannten Kettenmorde: Ihnen fielen in den neunziger Jahren mehr als 80 säkulare Schriftsteller, Intellektuelle und politische Aktivisten zum Opfer. Wegen dieser Artikel sitzt Baghi in Haft. Evin – der Name wurde zum Symbol für die Kontinuität politischer Repression.

Weil Baghi gegenwärtig stumm ist, gehen wir zu einem Freund, einem Gefährten aus den Tagen der Revolution, ein Gefährte auch bei der Publizierung der gefährlichen Mordrecherchen.

Saeed Hajjarian spricht mit Mühe, dehnt manche Vokale, verfängt sich stotternd in der Mitte eines Satzes. Dieses Stottern und Dehnen ist ein großer Sieg. Lange hatte niemand geglaubt, dass der 54-jährige Intellektuelle je wieder ein zweistündiges Interview würde geben können. Er deutet auf die Narbe an seiner linken Wange, dort traf ihn die Kugel des Attentäters; sie blieb im Nacken stecken, verletzte einen Zerebralnerv. Hajjarian lächelt ein wenig schief: "Es muss mich noch mal einer von der anderen Seite anschießen, damit ich wieder gerade lächeln kann." Ein Revolutionär der ersten Stunde, ein Architekt des Geheimdienstes der Islamischen Republik – und dann zum Krüppel geschossen von jenen, die diese Republik als ihr Eigentum betrachten.

Es geschah an einem Märztag im Jahr 2000, mitten im Zentrum Teherans. Seit drei Jahren war der Reformpräsident Chatami im Amt, Hajjarian war sein engster Berater. In Iran herrschte Aufbruchstimmung. Hajjarian kam zu einer Sitzung des Teheraner Stadtrats, lief die zwei Stufen hoch zum Eingang aus schwarzem Glas. Die Paradiesstraße wird gut bewacht an dieser Stelle. Doch die Soldaten rührten sich nicht, als die Täter auf einem schweren Motorrad herandröhnten und Hajjarian ins Gesicht schossen.

Der Mordanschlag zeigte, wie wenig die Reformer an der Macht waren. Sie waren im Amt, aber die Macht war dort geblieben, wo die Kugel herkam – in der Tiefe des Staatsapparats. Hajjarian leitete damals jene Tageszeitung, welche die Enthüllungen über die Kettenmorde druckte. Es brauchte wenig Fantasie, um die Täter in denselben Kreisen zu vermuten.

Zwei Wochen lag der Angeschossene im Koma, rund um die Uhr harrten junge Reformanhänger vor dem Krankenhaus aus. Als Hajjarian aufwachte, war er vollständig gelähmt, konnte nicht sprechen, nur die Augen bewegen. Acht Jahre später mischt er wieder in der Politik mit; seine Freunde nennen es ein Wunder. Sich von seinen revolutionären Anfängen zu distanzieren, sieht er keinen Grund. 1978 hatte er gerade sein Maschinenbaustudium beendet und diente als Offizier. Als einer der Ersten folgte er Chomeinis Aufruf zur Desertion, nahm gleich noch militärische Dokumente mit. Die Armee jagte ihn. Den 25-Jährigen trieb vor allem die Empörung über die krassen Klassenunterschiede. "Ich bin in einem Teheraner Arbeiterviertel aufgewachsen, ich kannte die Armut." War er religiös? "Wir hingen einer Befreiungstheologie an", sagt Hajjarian, "ähnlich wie damals Christen in Lateinamerika."

Der Undank der Enkel

In den chaotischen Wochen nach dem Sieg der Revolution gründete er, der Exdeserteur, ein "Sicherheitskomitee" in einer Armeebasis, befasste sich mit der Abwehr ausländischer Spionage. Woher nahm er die Autorität? "Jeder konnte damals machen, was er wollte. Die Lage war so durchlässig, die Revolution hatte alle Strukturen aufgeweicht." Beiläufig sagt er: "Wir beschlagnahmten Häuser."

Als Hajjarian das Konzept für einen neuen Geheimdienst schrieb, wollte er die Fehler der Schah-Zeit vermeiden, stellte sich einen Geheimdienst unter demokratischer Kontrolle vor. Hajjarian erwähnt nicht, wie fatal diese Vorstellung gescheitert ist – und es scheint vermessen, darauf zu insistieren, angesichts des Preises, den er bezahlt hat. Schon als junger Mann, sagt er, als seine Freunde Mao und Lenin lasen, manche auch Heidegger und Hegel, habe er lieber Karl Popper studiert. In seinem Leben nach der Kugel hat ihn dann beschäftigt, warum sich Religion zwangsläufig säkularisiere, wenn sie sich mit der Politik einlässt und nach der Macht greift. "Darüber habe ich zwei Bücher geschrieben. Aber sie dürfen in Iran nicht gedruckt werden."

Die Klage gegen den Motorradfahrer, der ihn töten wollte, hat Hajjarian zurückgezogen. So sehr misstraut er den Sicherheitsbehörden, die er einst selbst mitaufbaute. Wer wisse denn, ob der junge Mann, der für die Tat milde verurteilt wurde, überhaupt der Täter gewesen sei?

Der 4. November 1979 war ein kalter, wolkiger Tag. Die 150 Studenten, die sich um 10 Uhr in der Nähe der amerikanischen Botschaft versammeln, geben sich unauffällig. Einige Frauen verbergen Bolzenschneider unter dem Tschador. Dann geht alles ganz schnell: In wenigen Minuten überwältigen die unbewaffneten Studenten die Marines am Tor der US-Botschaft, besetzen das Gelände, nehmen alle 66 Diplomaten als Geiseln. Ihre Forderung: Amerika soll den Schah, der sich gerade in einer New Yorker Klinik aufhält, ausliefern an die iranische Justiz. Die USA weigern sich – und erleben eine historische Demütigung. Die Geiselnahme dehnt sich zu einem Drama von 444 Tagen.

Massoumeh Ebtekar, Studentin im zweiten Semester, stößt vier Tage später zu den Besetzern, als Dolmetscherin. Die 19-Jährige spricht fließend amerikanisches Englisch, sie hat mit den Eltern eine Weile in Massachusetts gelebt. Ebtekars schmales Gesicht mit den leicht umschatteten Augen wird für die Welt das Gesicht der Geiselnehmer. Sie nennt sich "Mary".

Knapp drei Jahrzehnte später: Die Messingklinke ihrer Bürotür lässt sich von außen nicht herunterdrücken. Und der Aufzug hält nicht in ihrem Stockwerk. Sicherheitsmaßnahmen für eine prominente Reformpolitikerin. Ebtekar war Vize-Staatspräsidentin in der Ära von Präsident Chatami (1997 bis 2005). Nun sitzt sie im Teheraner Stadtrat: Auf den Stufen desselben Gebäudes wurde Saeed Hajjarian zum Krüppel geschossen.

Das Gesicht immer noch schmal, die Augen umschattet. Massoumeh Ebtekar, Professorin der Immunologie, viel beschäftigte Karrierefrau der Islamischen Republik, wirkt milde und distanziert. Sie hat ein Buch geschrieben über die Besetzung, Takeover in Tehran. Es korrigiert den Eindruck, die Studenten seien nur fanatisierte Handlanger Chomeinis gewesen. "Wir waren eine gut informierte Generation", sagt Ebtekar. "Wir wussten, was los war in der Welt." Für sie selbst galt das gewiss: Sie besuchte in Teheran eine internationale Schule, schrieb Arbeiten über Sartre und Camus. Zu Hause wurde viel diskutiert. Den entscheidenden Impuls ihres Lebens fand sie, wie Millionen junge Iraner, bei einem an der Sorbonne promovierten Soziologen: Ali Schariati.

Der schillernde Utopist, westlich in seiner Erscheinung und in der Methodik seines Denkens, war immens populär. Ohne ihn ist das Geschehen der Jahre 1978 und 1979 kaum zu verstehen. Seine Botschaft lautete sinngemäß: Weg mit dem Muff unter den schiitischen Talaren! Schluss mit religiöser Unterwürfigkeit. Erlösung nicht durch rituelle Selbstgeißelung, sondern durch Kampf, Kritik, Aufklärung. Schariati propagierte einen "lebensbejahenden, kraftvollen und gerechten" Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz.

Heute klingt das vertrauter als damals. Schariati war ein Vorläufer, er nahm auf, was in der Luft lag: das Bedürfnis nach einem identitätsstiftenden Islam, der aufbegehrt sowohl gegen einheimische Despoten wie gegen den Westen. In vielen islamischen Ländern kreisen heute Bewegungen um diese Doppelachse. Schariati hat die iranische Revolution nicht erlebt; er starb bereits 1977. Die Botschaftsbesetzer waren indes überzeugt, in seinem Sinne zu handeln.

Massoumeh Ebtekar bedauert heute nur den außenpolitischen Schaden. "Die Geiselnahme hätte viel früher beendet werden können", sagt sie. "Und die Chance für einen Neuanfang mit den USA wurde vertan." Sie hofft, dass die Eiszeit bald vorüber ist: mit Barack Obama und mit einem iranischen Reformpräsidenten nach der Wahl im Sommer 2009. Sie würde sogar selbst gern in die USA reisen. Eine Debatte dort zum 30. Jahrestag der Geiselnahme, warum nicht?

Neun Stunden sägten die Besetzer damals an jedem erbeuteten Tresor, riefen "Allahu Akbar!", wenn er endlich die Akten preisgab. Monate puzzelten sie an der Rekonstruktion geschredderter CIA-Dokumente. Die Funde wurden zu Dynamit: Fast alle prominenten bürgerlichen Schah-Gegner hatten irgendwann Kontakt zu den Amerikanern gehabt. Nun wurden sie als Spione denunziert, waren politisch diskreditiert, viele wurden verhaftet. Mehdi Bazargan, der bürgerliche erste Premierminister der Islamischen Republik, war schon zu Beginn der Botschaftsbesetzung aus Protest zurückgetreten.

Ebtekar fällt es schwer, einzugestehen, wie ihr damaliges Handeln jene konservativen Hardliner begünstigte, die ihr später als mächtige Gegner gegenüberstehen würden. Seltsam: Wie andere iranische Reformer vermag diese kluge Frau ihre eigene Entwicklung erstaunlich wenig zu reflektieren. Stattdessen flüchtet sie sich in eine gewagte These: Die Botschaftsbesetzer seien eine frühe Form von civil society gewesen, die spätere Reformbewegung eine "natürliche" Konsequenz. Naturally, das sagt sie oft, in glatten, druckreif formulierten Sätzen – in einem Zimmer, dessen Türklinke sich von außen nicht bewegen lässt.

Der Undank der Enkel

Besuch in Qom, der Klerikerstadt. Großajatollah Yusef Sanei kommt hurtigen Schritts auf weißen Socken über den Teppich seines Empfangszimmers. In der rechten Hand schwingt ein Gehstöckchen aus schwarzem Ebenholz; der 71-Jährige hat es kaum nötig. Fotogen setzt er sich mit seinem weißem Turban vor eine Wand vielfarbig kalligrafierter Buchrücken, ein Assistent rückt ein Mikrofon zurecht. Sanei heftet seinen wachen, ein wenig belustigt wirkenden Blick auf uns Besucher und beginnt in volltönendem Persisch zu sprechen, im rollenden Satzrhythmus einer Vorlesung.

Der Großajatollah zählt zu den ranghöchsten Geistlichen Irans. Ein Veteran der Revolution, der mit Treue und Anhänglichkeit von Chomeini spricht, sogar "mit Liebe" – und zugleich ein überraschend modern denkender Kleriker ist. Frauen, so hat Sanei in seinen Fatwas geurteilt, können Richterin, Staatspräsidentin und höchste religiöse Autorität sein. Nichtmuslimen steht das Paradies offen; Atombomben und Selbstmordattentate sind islamisch verboten. Dies alles widerspricht dem Denken und der Praxis der herrschenden Theokraten. "Hier in Qom habe ich nicht viele Anhänger, denn die Lehrstätte steht unter dem Einfluss des Systems", sagt Sanei. "Aber im Volk ist mein demokratischer Islam beliebt. Und keiner traut sich, uns zu beleidigen, uns anzutasten."

Sanei entstammt einer Gelehrtenfamilie, die sich über Generationen politisierte – im Widerstand gegen Monarchen, die ausländischen Interessen zu Willen waren. Sein Großvater kämpfte in der "Tabakbewegung": Der damalige Schah hatte den Briten das Monopol im iranischen Tabakhandel gewährt; eine von Geistlichen angeführte Revolte brachte es zu Fall. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, manche sehen darin das erste Vorspiel zur Islamischen Revolution.

Der junge Sanei kam 1956 mit Chomeini in Kontakt, wurde sein talentiertester Schüler, ging in seinem Haus aus und ein, bediente bei Familienfesten die Gäste. "Ich habe Scheich Sanei aufgezogen wie einen Sohn", dieses Zitat Chomeinis steht auf Saneis Website, es prangt unübersehbar in diesem Empfangszimmer neben der vielfarbigen Bücherwand. Ein Zitat wie ein Schutzschirm.

Trotz hoher Funktionen in der frühen Islamischen Republik sah sich Sanei nach dem Tod von Chomeini – 1989 – zunehmend in die Isolation gedrängt. "Es ist bei jeder Revolution wohl so", sagt er, "dass schließlich jene an die Macht kommen, die mit der Revolution eigentlich nichts zu tun hatten." Volltönend fährt er fort: "Wenn die Machthaber es wünschten, könnte ich ihnen viele Ratschläge geben: Praktiziert Transparenz, belügt das Volk nicht, gebt ihm Verantwortung! Die Machthaber müssten dem Volk sagen: Die Revolution gehört euch, es ist nicht unsere Revolution!"

Der Ruf zum Gebet ertönt. Der Großajatollah entfernt sich geschwind. Sein Assistent reicht uns einen Fragebogen: Was wussten Sie vor dem Gespräch über Sanei, wie hat er auf Sie gewirkt, was denken Sie jetzt über ihn? Seltsame Kontraste: ein alter Mann, professionell betreut von einer jungen Entourage. Ein Verfasser anstößiger Fatwas, voller Liebe zu Chomeini. So wie sich 1978/79 in der Anti-Schah-Bewegung viele Motive hinter Chomeini versammelten, so reklamieren im Iran von heute ganz unterschiedliche Kräfte "den Imam" für sich, Ultrakonservative ebenso wie Reformer.

"Die heutige Islamische Republik ist nicht das, was sich Herr Chomeini vorgestellt hat", sagt Sadegh Tabatabai gleich an der Tür seines Appartements. Wir sind im reichen Teheraner Norden, zu Gast bei einer exzentrischen Figur der Revolution. "Der schöne Sadegh", so nannten ihn die Iranerinnen damals: voller Haarschopf, Schmachtaugen, stets elegant – ein Hauch von allem ist noch da mit Ende 60. Gestreiftes Hemd zur Nadelstreifenhose, weiße Lederpantoffeln, Selbstbewusstsein satt.

Lebemann und Überlebender: Der fließend Deutsch sprechende Tabatabai gehörte zu Chomeinis engstem Kreis, saß mit ihm im Pariser Vorort Neauphle-le-Château unterm Apfelbäumchen, als der Ajatollah die Weltpresse empfing, begleitete ihn dann am 1. Februar 1979 zurück nach Teheran. Vor der Landung, Chomeinis Verhaftung fürchtend, brachte er eine hochwichtige gelbe Mappe in Sicherheit – bei dem Journalisten Peter Scholl-Latour. Später stellte sich heraus: Es war der Verfassungsentwurf für die Islamische Republik. "Peter", sagt Tabatabai, "konnte Farsi ja nicht lesen."

1961 war er in die Bundesrepublik gekommen, organisierte die studentische Opposition gegen den Schah. 1967 gibt er Ulrike Meinhof das Material für ihre berühmte konkret - Kolumne gegen den Schah-Besuch, eine Szene, mit der auch der Film Der Baader-Meinhof-Komplex beginnt. Als Flugblatt verteilt, wird der Text ein Fanal der aufkommenden Studentenbewegung. Schüsse auf Benno Ohnesorg: Tabatabai steht bei dessen Beerdigung am Grab. "Ich habe ein Jahr mit Ulrike gearbeitet", sagt er. Er sagt Ulrike, nicht: die Meinhof. Das hat etwas Treues. Von jenen, die mit ihm unterm Apfelbäumchen saßen, haben nicht viele überlebt.

Tabatabai raucht Kette, Mitternacht ist schon vorbei, der Abend zu kurz, so viel Leben zu resümieren. In der ersten Revolutionsregierung saß er an führender Stelle. 1982 zieht er sich aus der Politik zurück, weil sie "immer radikaler" wurde. Was hat ihn, geschmäht als Liberaler, gerettet? Dass seine Schwester mit einem Sohn Chomeinis verheiratet war? Vielleicht. Oder dies: Er hatte immer noch eine andere Welt. Schon 1978 jettete er zwischen Bochum und Paris hin und her, war eine halbe Woche wissenschaftlicher Assistent der Biochemie, die andere Hälfte Revolutionär bei Chomeini.

Später hat der Professor, stets überbordend an Talenten, ein Buch über die Wirkung des Satellitenfernsehens geschrieben und drei Bücher von Neil Postman ins Persische übersetzt. Und jetzt, er holt aus dem Nebenzimmer ein Paket, ist gerade seine Autobiografie erschienen. Drei Bände, "es werden fünf", sagt Tabatabai. Auf dem Titel: der schöne Sadegh mit auffallender Krawatte, ganz dicht neben Chomeini. Chomeini schweigt, er hört dem schönen Sadegh zu.

Hinter der Islamischen Revolution stand als entscheidende Triebfeder weder eine Partei noch eine Klasse, noch eine bewaffnete Organisation. Sondern etwas eigentlich Modernes: Netzwerke. Die Netzwerke der Moscheen und vor allem des Bazars. Die Bazaris waren religiös, reich und mächtig, sie beherrschten mit Tausenden von Firmen zwei Drittel des Handels, ragten mit ihren Gilden ins ganze Land. Später, nach der Revolution, wuchsen daraus die neuen informellen Machtstrukturen der Konservativen und Fundamentalisten: jeder Kontrolle entzogen, mehr mafiös als religiös.

Der Undank der Enkel

Asadollah Badamchian ist ein Mann aus diesem kalten Herzen des Regimes. Er empfängt mit täuschender Harmlosigkeit; ein 67-Jähriger mit altmodisch hohem Hosenbund, wie der Opa von nebenan. Als junger wohlhabender Teppichhändler schloss sich Badamchian früh dem Untergrundkampf gegen die Monarchie an, später wurde er von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, wurde fünf Monate gefoltert – "und ich habe keinen einzigen Namen preisgegeben". Damals, Anfang der sechziger Jahren, entstand eine bewaffnete Vereinigung mit dem Allerweltsnamen Islamische Koalition, den Iranern unter der Kurzform Motalef-e bekannt. Badamchian war von Anfang an dabei, heute ist er der Vizechef. Und Motalef-e ist ein Synonym für Macht in Iran, eine Macht, die oft so schwer greifbar, so konturenlos erscheint wie der gemütliche Herr Badamchian.

Bei der triumphalen Rückkehr Chomeinis am 1. Februar 1979 gehörte er zum sogenannten Empfangskomitee: ein innerster Zirkel von sieben Getreuen, die das Großereignis vorbereiteten, bis hin zu jenem Chor, der in der Flughafenhalle zum ersten Mal die feierliche Hymne Chomeini, du Imam anstimmte – ältere Iraner rührt sie noch heute. Natürlich kam der Fahrer, der den Imam durch das Millionenmeer chauffierte, von Motalef-e.

In der Schah-Zeit hatte Badamchian die Gefängnisse mit den iranischen Kommunisten geteilt. Später spielte seine Motalef-e bei deren Liquidierung eine wichtige Rolle. Im Herbst 1988 wurden mehrere Tausend kommunistische Häftlinge im Halbstundentakt gehenkt, in Massengräbern verscharrt. Badamchian weist jede persönliche Verantwortung von sich, zeigt keinerlei Regung. Wer hingerichtet wurde, sagt er, habe sich zuvor "gegen das Volk gestellt". Er hingegen sei ein "Diener des Volkes": "Die Menschen lieben mich." Über diejenigen, die es nicht taten, hat er gesiegt. Badamchian entkam mehreren Attentaten und Autobomben. Aufgeräumt verabschiedet er sich.

Wenn iranische Schüler ihren Lehrern kritische Fragen über die Revolution stellen, dann weichen die Lehrer aus und erzählen vom Krieg. Von jenem entsetzlich verlustreichen achtjährigen Krieg mit dem Irak, der im September 1980 begann: Ermutigt vom Westen, ausgerüstet mit westlichen Waffen, überfiel Saddam Hussein Iran. Am Ende trauerten beide Staaten um je eine halbe Million Tote.

Die Ausprägung der jungen Islamischen Republik, ihre Ideologie, ihr Symbolismus sind untrennbar mit diesem Krieg verbunden. So ist es kein Zufall, dass es in Teheran kein Revolutionsmuseum gibt, jedoch ein Märtyrermuseum. Ein Saal für die Kämpfer gegen die Monarchie, in den Schaukästen Brillen und Lederpantoffeln von Geistlichen; nebenan der Saal für im Krieg Gefallene, in den Schaukästen blutbefleckte Hemden und wieder Brillen. Alle Toten vereint in derselben tragischen Musik.

In der offiziellen nationalen Erinnerung wird nirgends die Freiheit, der Aufbruch, die Vielfalt der revolutionären Bewegung gefeiert. Die Schönheit der Revolution hat nur in der privaten Erinnerung überlebt. Im nationalen Gedächtnis ist alles erstickt in Schwermut, Blut und Trauer.

Revolution bedeutete Aufbegehren, Krieg bedeutete Gehorsam. Von nun an drang in alle Lebensbereiche ein Märtyrerkult vor, der das menschliche Opfer glorifizierte, heiligsprach.

Hassan Hanisadi hat hängende Augenlider, die Augen tränen, er tupft sie sich alle paar Minuten. Auch seine inneren Organe sind schwer versehrt: Hanisadi hat einen irakischen Giftgasangriff überlebt. Bei der Revolution war er 12 Jahre alt. "Wir, die die Revolution gesehen haben, wir sind zu schnell erwachsen geworden", sagt er. "Mit 16 ging ich in den Krieg. Ich war zu jung, um zu verstehen, was Krieg bedeutet. Mein Bruder erzählte mir, wir würden gebraucht. Also meldete ich mich freiwillig." Der Giftgasangriff machte ihn blind, später wurde seine Netzhaut fünfmal operiert, das Leben des Hassan Hanisadi teilte sich in Phasen, wo er mit einem Auge ein wenig sehen konnte, und in Phasen völliger Dunkelheit. "Die Kameraden, die damals gestorben sind", sagt Hanisadi, "waren beliebter bei Gott. Er hat sie gleich zu sich genommen." Im Winter aber, wenn die Lunge besonders schmerzt, fühle auch er sich Gott nahe.

Vielleicht ist das ein Satz, den iranische Veteranen ausländischen Journalisten sagen müssen. Vielleicht hilft die Religiosität, nicht zu verzweifeln. Mehr als nach neuen Augen, sagt Hanisadi, sehne er sich nach etwas anderem. "Es gab eine Ehrlichkeit damals zwischen uns Jungs, eine Reinheit. Danach habe ich Sehnsucht."

Die Reinheit, die Unschuld. Manche fanden sie im Krieg, andere in den Beziehungen der Menschen während der Revolution. Damals standen bei Demonstrationen die Türen der Häuser offen, damit jeder Hilfe finden konnte. Heute prägt Misstrauen das Verhältnis vieler Iraner untereinander. Sogar Taxifahrer werden verdächtigt, für den Geheimdienst zu arbeiten. Sehnsucht nach Reinheit, das ist für Hanisadi auch die Erinnerung an eine Religion, die noch unschuldig war, als sie unterdrückt wurde. Nun hat sie sich mit der Macht beschmutzt.

Darf man in Iran über Geistliche lachen? Kamal Tabrisi hat mit seinem Film Marmulak (Die Eidechse) dafür gesorgt, dass das Land in ein großes, befreiendes Gelächter ausbrach. Ein Dieb flieht als Mullah verkleidet aus dem Gefängnis und spielt nun gaunerschlau den Frommen. Die Satire brach alle Kassenrekorde; nach drei Wochen wurde sie aus den Kinos verbannt, kursierte nun erst recht als DVD. Kamal Tabrisi ist der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Der 49-jährige Regisseur, ein in Teheran geborener Aserbajdschaner, wirkt angenehm unprätentiös. Ein Mann mit Lachfalten, der genau zuhört und bereitwillig über sein Leben Auskunft gibt.

Wie andere angesehene Regisseure Irans ist Tabrisi von der Revolution geprägt. Als 19-Jähriger war er bei den Anti-Schah-Demonstrationen mit seiner Super-8-Kamera dabei. Wenn geschossen wurde, rannte er, um sich selbst und sein Material zu retten. "Ich kam aus einer traditionell religiösen Familie. Beten, fasten – das war für uns Jüngere nicht besonders attraktiv. An der Uni lernte ich einen Islam kennen, der sich in die Verhältnisse einmischt. Das zog mich an. Religion muss das Leben der Menschen verbessern."

Der Undank der Enkel

Vor der Revolution hörte er von seinen Eltern oft: Kino ist kein gesunder Ort für dich! "Kinos galten als schmutzig, quasi als Bordelle. Darum wurden wegen der Revolution Kinos in Brand gesetzt. Aus manchen wurden Moscheen gemacht, um sie zu reinigen. Es gab eine große Kluft zwischen Kino und Geistlichkeit. Und bis heute haben sich manche Leute nicht mit dem Kino versöhnt. Dazu gehört die jetzige Regierung."

Die islamische Revolution als film- und kunstfeindlich anzusehen sei trotzdem falsch, sagt Tabrisi. "Wir, die Jungen, lehnten das Schah-Kino ab, weil es flache, billige Unterhaltung war, geistig anspruchslos. Wir wollten einen völlig neuen Stil entwickeln, wir wollten ein Kino machen, das wirklich zu Iran passt. Film sollte erziehen, eingreifen. Wir sahen die Kamera als Werkzeug, um zu zeigen, was die Revolution sein soll."

Unterstützung kam von Chomeini persönlich. Er stellte einen anspruchsvollen Minderheitenfilm aus der Schah-Zeit als Vorbild heraus – erstaunlich feinsinnig. Die Kuh war in Venedig ausgezeichnet worden: eine metaphorische Tragödie um einen Bauern, den der Verlust seiner einzigen Kuh in den Wahnsinn treibt – er wird selbst zur Kuh. Wenn man den Film heute sieht, beeindruckt vor allem die archaische Gewalt des iranischen Dorfes, völlig unberührt von der Modernisierungspolitik des Schahs. "Das war der Schlüssel", erinnert sich Tabrisi, "wir konnten loslegen."

Während er das Filmemachen lernte, brach der Krieg aus. Am zweiten Kriegstag war Tabrisi schon an der Front, drehte seinen ersten Dokumentarfilm. Kriegsfilme – für die westliche Filmkritik sind das die Jugendsünden jener später auf Festivals gefeierten iranischen Regisseure. "Ich schäme mich nicht, wenn ich meine frühen Filme sehe", sagt Tabrisi. "Sie sind einfach gestrickt, aber sie haben etwas Reines. Sie handeln von Menschen, die jeden Tag sterben konnten."

Die Reinheit. Früher, sagt Tabrisi, hatten die Geistlichen einen besonderen Platz im Herzen der Iraner, sonst wäre die Revolution nicht zustande gekommen. "Dieses Vertrauen ist beschädigt. Die Gesellschaft hat heute viele Probleme mit den Geistlichen, und sie ist reif genug, sich damit zu befassen." Bevor die Eidechse in den Kinos anlief, gab es eine Preview für Geistliche. Viele brachten ihre Familien mit, alle waren so neugierig auf den Film. Frauen und Kinder saßen auf einer Seite des Kinosaals, die Mullahs auf der anderen. An den amüsantesten Stellen des Films wurde auf der Familienseite laut gelacht, auf der Klerikerseite verbissen geschwiegen. "Das zeigt, wie weit sich die Geistlichen von der Gesellschaft entfernt haben", sagt Tabrisi. "Ich bin ein religiöser Mensch", fügt er hinzu, "heute kaum weniger als zur Zeit der Revolution. Die Geistlichen haben sich geändert, nicht ich."

Es zieht sich ein Riss durch Iran, der Riss zwischen den Generationen. Seit der Revolution hat sich die Bevölkerung verdoppelt. 70 Prozent sind heute jünger als 30 Jahre. Und in dieser großen, jungen Mehrheit finden viele unbegreiflich, wofür sich ihre Eltern begeisterten.

Ein Paradox: Fast alle Iraner und Iranerinnen, die heute über 50 sind, haben die Revolution unterstützt, waren zumindest Sympathisanten. Doch ihre Kinder wissen darüber erstaunlich wenig. Oral History wird in Iran nicht gepflegt. Im Schulunterricht werden zur Revolution Namen und Daten auswendig gelernt, danach schnell vergessen. Die alljährliche Ausstellung vor dem Revolutionsfeiertag hinterlässt ein Klischeebild: Der Schah wurde gestürzt, weil alle den Islam wollten. Übersättigt mit Parolen, erdrückt vom Märtyrerkult, vermögen viele Jüngere nicht zu sehen, dass ihre Eltern, Tanten, Onkel für ein paar Tage ihres Lebens kleine Helden waren.

Eine privat arrangierte Diskussion mit Studenten: Die Hälfte von ihnen glaubt, das Leben ihrer Eltern, insbesondere deren Jugend in der Schah-Zeit, sei besser gewesen als ihr eigenes Leben. Wenn man mit einem jungen Iraner den Schah-Palast besucht, heute eine Art Museum, dann zeigt der junge Mann auf die Flecken an den Wänden, wo Gemälde fehlen, und sagt erbittert: "Das haben sie gestohlen!" Lichtjahre entfernt scheint die glückselige Erinnerung unseres Wachsoldaten an die Erstürmung des Palastes.

"Man muss die Schah-Zeit selbst erlebt haben, um das alles verstehen zu können", sagt Ahmad Moqadassi, der Apotheker vom Märtyrerplatz. In dieser Apotheke, wo wir zwischen Prothesenkleber, Kinderpuder und Kniebinden zuerst die Schönheit der Erinnerung an die Revolution fanden, da begegnen wir nun der Einsamkeit und der Qual. "Jeder, den du auf der Straße triffst, ist jung und hat keine Erinnerung. Man fühlt sich manchmal sehr allein. Es ist schwer, die Revolution zu verteidigen, obwohl wir doch nichts Unrechtes getan haben."

Moqadassi blickt hinaus auf den Platz. Dann strafft er sich und rückt seine Lesebrille zurecht. "Sollte ich das Gefühl haben, es herrschten wieder Verhältnisse wie zur Schah-Zeit: Ich würde mich an einer neuen Revolution beteiligen."