In den chaotischen Wochen nach dem Sieg der Revolution gründete er, der Exdeserteur, ein "Sicherheitskomitee" in einer Armeebasis, befasste sich mit der Abwehr ausländischer Spionage. Woher nahm er die Autorität? "Jeder konnte damals machen, was er wollte. Die Lage war so durchlässig, die Revolution hatte alle Strukturen aufgeweicht." Beiläufig sagt er: "Wir beschlagnahmten Häuser."

Als Hajjarian das Konzept für einen neuen Geheimdienst schrieb, wollte er die Fehler der Schah-Zeit vermeiden, stellte sich einen Geheimdienst unter demokratischer Kontrolle vor. Hajjarian erwähnt nicht, wie fatal diese Vorstellung gescheitert ist – und es scheint vermessen, darauf zu insistieren, angesichts des Preises, den er bezahlt hat. Schon als junger Mann, sagt er, als seine Freunde Mao und Lenin lasen, manche auch Heidegger und Hegel, habe er lieber Karl Popper studiert. In seinem Leben nach der Kugel hat ihn dann beschäftigt, warum sich Religion zwangsläufig säkularisiere, wenn sie sich mit der Politik einlässt und nach der Macht greift. "Darüber habe ich zwei Bücher geschrieben. Aber sie dürfen in Iran nicht gedruckt werden."

Die Klage gegen den Motorradfahrer, der ihn töten wollte, hat Hajjarian zurückgezogen. So sehr misstraut er den Sicherheitsbehörden, die er einst selbst mitaufbaute. Wer wisse denn, ob der junge Mann, der für die Tat milde verurteilt wurde, überhaupt der Täter gewesen sei?

Der 4. November 1979 war ein kalter, wolkiger Tag. Die 150 Studenten, die sich um 10 Uhr in der Nähe der amerikanischen Botschaft versammeln, geben sich unauffällig. Einige Frauen verbergen Bolzenschneider unter dem Tschador. Dann geht alles ganz schnell: In wenigen Minuten überwältigen die unbewaffneten Studenten die Marines am Tor der US-Botschaft, besetzen das Gelände, nehmen alle 66 Diplomaten als Geiseln. Ihre Forderung: Amerika soll den Schah, der sich gerade in einer New Yorker Klinik aufhält, ausliefern an die iranische Justiz. Die USA weigern sich – und erleben eine historische Demütigung. Die Geiselnahme dehnt sich zu einem Drama von 444 Tagen.

Massoumeh Ebtekar, Studentin im zweiten Semester, stößt vier Tage später zu den Besetzern, als Dolmetscherin. Die 19-Jährige spricht fließend amerikanisches Englisch, sie hat mit den Eltern eine Weile in Massachusetts gelebt. Ebtekars schmales Gesicht mit den leicht umschatteten Augen wird für die Welt das Gesicht der Geiselnehmer. Sie nennt sich "Mary".

Knapp drei Jahrzehnte später: Die Messingklinke ihrer Bürotür lässt sich von außen nicht herunterdrücken. Und der Aufzug hält nicht in ihrem Stockwerk. Sicherheitsmaßnahmen für eine prominente Reformpolitikerin. Ebtekar war Vize-Staatspräsidentin in der Ära von Präsident Chatami (1997 bis 2005). Nun sitzt sie im Teheraner Stadtrat: Auf den Stufen desselben Gebäudes wurde Saeed Hajjarian zum Krüppel geschossen.

Das Gesicht immer noch schmal, die Augen umschattet. Massoumeh Ebtekar, Professorin der Immunologie, viel beschäftigte Karrierefrau der Islamischen Republik, wirkt milde und distanziert. Sie hat ein Buch geschrieben über die Besetzung, Takeover in Tehran. Es korrigiert den Eindruck, die Studenten seien nur fanatisierte Handlanger Chomeinis gewesen. "Wir waren eine gut informierte Generation", sagt Ebtekar. "Wir wussten, was los war in der Welt." Für sie selbst galt das gewiss: Sie besuchte in Teheran eine internationale Schule, schrieb Arbeiten über Sartre und Camus. Zu Hause wurde viel diskutiert. Den entscheidenden Impuls ihres Lebens fand sie, wie Millionen junge Iraner, bei einem an der Sorbonne promovierten Soziologen: Ali Schariati.

Der schillernde Utopist, westlich in seiner Erscheinung und in der Methodik seines Denkens, war immens populär. Ohne ihn ist das Geschehen der Jahre 1978 und 1979 kaum zu verstehen. Seine Botschaft lautete sinngemäß: Weg mit dem Muff unter den schiitischen Talaren! Schluss mit religiöser Unterwürfigkeit. Erlösung nicht durch rituelle Selbstgeißelung, sondern durch Kampf, Kritik, Aufklärung. Schariati propagierte einen "lebensbejahenden, kraftvollen und gerechten" Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz.

Heute klingt das vertrauter als damals. Schariati war ein Vorläufer, er nahm auf, was in der Luft lag: das Bedürfnis nach einem identitätsstiftenden Islam, der aufbegehrt sowohl gegen einheimische Despoten wie gegen den Westen. In vielen islamischen Ländern kreisen heute Bewegungen um diese Doppelachse. Schariati hat die iranische Revolution nicht erlebt; er starb bereits 1977. Die Botschaftsbesetzer waren indes überzeugt, in seinem Sinne zu handeln.

Massoumeh Ebtekar bedauert heute nur den außenpolitischen Schaden. "Die Geiselnahme hätte viel früher beendet werden können", sagt sie. "Und die Chance für einen Neuanfang mit den USA wurde vertan." Sie hofft, dass die Eiszeit bald vorüber ist: mit Barack Obama und mit einem iranischen Reformpräsidenten nach der Wahl im Sommer 2009. Sie würde sogar selbst gern in die USA reisen. Eine Debatte dort zum 30. Jahrestag der Geiselnahme, warum nicht?

Neun Stunden sägten die Besetzer damals an jedem erbeuteten Tresor, riefen "Allahu Akbar!", wenn er endlich die Akten preisgab. Monate puzzelten sie an der Rekonstruktion geschredderter CIA-Dokumente. Die Funde wurden zu Dynamit: Fast alle prominenten bürgerlichen Schah-Gegner hatten irgendwann Kontakt zu den Amerikanern gehabt. Nun wurden sie als Spione denunziert, waren politisch diskreditiert, viele wurden verhaftet. Mehdi Bazargan, der bürgerliche erste Premierminister der Islamischen Republik, war schon zu Beginn der Botschaftsbesetzung aus Protest zurückgetreten.

Ebtekar fällt es schwer, einzugestehen, wie ihr damaliges Handeln jene konservativen Hardliner begünstigte, die ihr später als mächtige Gegner gegenüberstehen würden. Seltsam: Wie andere iranische Reformer vermag diese kluge Frau ihre eigene Entwicklung erstaunlich wenig zu reflektieren. Stattdessen flüchtet sie sich in eine gewagte These: Die Botschaftsbesetzer seien eine frühe Form von civil society gewesen, die spätere Reformbewegung eine "natürliche" Konsequenz. Naturally, das sagt sie oft, in glatten, druckreif formulierten Sätzen – in einem Zimmer, dessen Türklinke sich von außen nicht bewegen lässt.