Besuch in Qom, der Klerikerstadt. Großajatollah Yusef Sanei kommt hurtigen Schritts auf weißen Socken über den Teppich seines Empfangszimmers. In der rechten Hand schwingt ein Gehstöckchen aus schwarzem Ebenholz; der 71-Jährige hat es kaum nötig. Fotogen setzt er sich mit seinem weißem Turban vor eine Wand vielfarbig kalligrafierter Buchrücken, ein Assistent rückt ein Mikrofon zurecht. Sanei heftet seinen wachen, ein wenig belustigt wirkenden Blick auf uns Besucher und beginnt in volltönendem Persisch zu sprechen, im rollenden Satzrhythmus einer Vorlesung.

Der Großajatollah zählt zu den ranghöchsten Geistlichen Irans. Ein Veteran der Revolution, der mit Treue und Anhänglichkeit von Chomeini spricht, sogar "mit Liebe" – und zugleich ein überraschend modern denkender Kleriker ist. Frauen, so hat Sanei in seinen Fatwas geurteilt, können Richterin, Staatspräsidentin und höchste religiöse Autorität sein. Nichtmuslimen steht das Paradies offen; Atombomben und Selbstmordattentate sind islamisch verboten. Dies alles widerspricht dem Denken und der Praxis der herrschenden Theokraten. "Hier in Qom habe ich nicht viele Anhänger, denn die Lehrstätte steht unter dem Einfluss des Systems", sagt Sanei. "Aber im Volk ist mein demokratischer Islam beliebt. Und keiner traut sich, uns zu beleidigen, uns anzutasten."

Sanei entstammt einer Gelehrtenfamilie, die sich über Generationen politisierte – im Widerstand gegen Monarchen, die ausländischen Interessen zu Willen waren. Sein Großvater kämpfte in der "Tabakbewegung": Der damalige Schah hatte den Briten das Monopol im iranischen Tabakhandel gewährt; eine von Geistlichen angeführte Revolte brachte es zu Fall. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, manche sehen darin das erste Vorspiel zur Islamischen Revolution.

Der junge Sanei kam 1956 mit Chomeini in Kontakt, wurde sein talentiertester Schüler, ging in seinem Haus aus und ein, bediente bei Familienfesten die Gäste. "Ich habe Scheich Sanei aufgezogen wie einen Sohn", dieses Zitat Chomeinis steht auf Saneis Website, es prangt unübersehbar in diesem Empfangszimmer neben der vielfarbigen Bücherwand. Ein Zitat wie ein Schutzschirm.

Trotz hoher Funktionen in der frühen Islamischen Republik sah sich Sanei nach dem Tod von Chomeini – 1989 – zunehmend in die Isolation gedrängt. "Es ist bei jeder Revolution wohl so", sagt er, "dass schließlich jene an die Macht kommen, die mit der Revolution eigentlich nichts zu tun hatten." Volltönend fährt er fort: "Wenn die Machthaber es wünschten, könnte ich ihnen viele Ratschläge geben: Praktiziert Transparenz, belügt das Volk nicht, gebt ihm Verantwortung! Die Machthaber müssten dem Volk sagen: Die Revolution gehört euch, es ist nicht unsere Revolution!"

Der Ruf zum Gebet ertönt. Der Großajatollah entfernt sich geschwind. Sein Assistent reicht uns einen Fragebogen: Was wussten Sie vor dem Gespräch über Sanei, wie hat er auf Sie gewirkt, was denken Sie jetzt über ihn? Seltsame Kontraste: ein alter Mann, professionell betreut von einer jungen Entourage. Ein Verfasser anstößiger Fatwas, voller Liebe zu Chomeini. So wie sich 1978/79 in der Anti-Schah-Bewegung viele Motive hinter Chomeini versammelten, so reklamieren im Iran von heute ganz unterschiedliche Kräfte "den Imam" für sich, Ultrakonservative ebenso wie Reformer.

"Die heutige Islamische Republik ist nicht das, was sich Herr Chomeini vorgestellt hat", sagt Sadegh Tabatabai gleich an der Tür seines Appartements. Wir sind im reichen Teheraner Norden, zu Gast bei einer exzentrischen Figur der Revolution. "Der schöne Sadegh", so nannten ihn die Iranerinnen damals: voller Haarschopf, Schmachtaugen, stets elegant – ein Hauch von allem ist noch da mit Ende 60. Gestreiftes Hemd zur Nadelstreifenhose, weiße Lederpantoffeln, Selbstbewusstsein satt.

Lebemann und Überlebender: Der fließend Deutsch sprechende Tabatabai gehörte zu Chomeinis engstem Kreis, saß mit ihm im Pariser Vorort Neauphle-le-Château unterm Apfelbäumchen, als der Ajatollah die Weltpresse empfing, begleitete ihn dann am 1. Februar 1979 zurück nach Teheran. Vor der Landung, Chomeinis Verhaftung fürchtend, brachte er eine hochwichtige gelbe Mappe in Sicherheit – bei dem Journalisten Peter Scholl-Latour. Später stellte sich heraus: Es war der Verfassungsentwurf für die Islamische Republik. "Peter", sagt Tabatabai, "konnte Farsi ja nicht lesen."

1961 war er in die Bundesrepublik gekommen, organisierte die studentische Opposition gegen den Schah. 1967 gibt er Ulrike Meinhof das Material für ihre berühmte konkret - Kolumne gegen den Schah-Besuch, eine Szene, mit der auch der Film Der Baader-Meinhof-Komplex beginnt. Als Flugblatt verteilt, wird der Text ein Fanal der aufkommenden Studentenbewegung. Schüsse auf Benno Ohnesorg: Tabatabai steht bei dessen Beerdigung am Grab. "Ich habe ein Jahr mit Ulrike gearbeitet", sagt er. Er sagt Ulrike, nicht: die Meinhof. Das hat etwas Treues. Von jenen, die mit ihm unterm Apfelbäumchen saßen, haben nicht viele überlebt.

Tabatabai raucht Kette, Mitternacht ist schon vorbei, der Abend zu kurz, so viel Leben zu resümieren. In der ersten Revolutionsregierung saß er an führender Stelle. 1982 zieht er sich aus der Politik zurück, weil sie "immer radikaler" wurde. Was hat ihn, geschmäht als Liberaler, gerettet? Dass seine Schwester mit einem Sohn Chomeinis verheiratet war? Vielleicht. Oder dies: Er hatte immer noch eine andere Welt. Schon 1978 jettete er zwischen Bochum und Paris hin und her, war eine halbe Woche wissenschaftlicher Assistent der Biochemie, die andere Hälfte Revolutionär bei Chomeini.

Später hat der Professor, stets überbordend an Talenten, ein Buch über die Wirkung des Satellitenfernsehens geschrieben und drei Bücher von Neil Postman ins Persische übersetzt. Und jetzt, er holt aus dem Nebenzimmer ein Paket, ist gerade seine Autobiografie erschienen. Drei Bände, "es werden fünf", sagt Tabatabai. Auf dem Titel: der schöne Sadegh mit auffallender Krawatte, ganz dicht neben Chomeini. Chomeini schweigt, er hört dem schönen Sadegh zu.

Hinter der Islamischen Revolution stand als entscheidende Triebfeder weder eine Partei noch eine Klasse, noch eine bewaffnete Organisation. Sondern etwas eigentlich Modernes: Netzwerke. Die Netzwerke der Moscheen und vor allem des Bazars. Die Bazaris waren religiös, reich und mächtig, sie beherrschten mit Tausenden von Firmen zwei Drittel des Handels, ragten mit ihren Gilden ins ganze Land. Später, nach der Revolution, wuchsen daraus die neuen informellen Machtstrukturen der Konservativen und Fundamentalisten: jeder Kontrolle entzogen, mehr mafiös als religiös.