Manchmal steht der Rezeption eines Buches seine politische Botschaft im Weg. Das Gemeinte verdeckt dann das Geschriebene. So geschieht es zurzeit dem 21. Roman von John le Carré: Marionetten (aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson; Ullstein, Berlin 2008; 368 S., 22,90 €). In zahlreichen Interviews hat der Meister des Spionageromans die Entstehungsgeschichte von Marionetten erzählt. Wie er Murat Kurnaz kennenlernte, der viereinhalb Jahre unschuldig in Guantánamo festgehalten worden war, und dass er die Praxis der "extraordinary rendition", der illegalen Verschleppung von Terrorverdächtigen in Geheimgefängnisse, anprangern will.

Doch diesist keine Anklageschrift, sondern ein Roman, und zwar ein sehr guter. John le Carré treibt darin ein raffiniertes Spiel. Die Regeln dazu hat er in seinem Welterfolg Der Spion, der aus der Kälte kam beschrieben. Da beklagt die brave englische Kommunistin Liz die Skrupellosigkeit der Geheimdienste: "Sie spüren die menschlichen Gefühle in den Leuten auf – in mir und allen anderen, die sie benützen wollen – und verwandeln sie in ihren Händen zu Waffen, um damit zu verletzen und zu töten." Jetzt, in Marionetten, ist es der Exspion und große Erzähler le Carré selbst, der die menschlichen Gefühle weckt und manipuliert.

Mit Issa hat le Carré einen Helden geschaffen, der Projektionen auf sich zieht wie ein Honigtopf die Fliegen: Flüchtling aus Tschetschenien, gefoltert, 111 Tage im türkischen Gefängnis, gesucht mit internationalem Haftbefehl. Ein "versehrtes Kind", so scheint es dem schottischen Privatbankier Tommy Brue und der Anwältin Annabel, die sich des geschundenen Muslims angenommen haben. Auch der Leser kann sich des Mitleids mit diesem Menschen kaum erwehren und würde mit ihm bangen, gäbe es da nicht irritierende Momente: Issas hochfahrendes Auftreten, die Selbstgewissheit, mit der er glaubt, an Geld kommen und Arzt oder Flugzeugbauer, auf alle Fälle ein großer Menschheitsbeglücker werden zu können. Während Privatbankier und Anwältin ins Illegale wechseln und dem Gesuchten Quartier und Geld verschaffen, gerät Issa ins Visier des deutschen Verfassungsschützers Bachmann. Der tüftelt daran, ihn laufen zu lassen. An langer Beobachtungsleine soll er die islamistische Unterwelt unterwandern, Spionagelicht auf zukünftige Mohammed Attas werfen. So strickt auch der Geheimdienstmann, weil er sein Projekt den Mächtigen in Berlin, London und Washington verkaufen muss, an der Legende vom unschuldigen Issa.

Le Carrés Roman ist ein Wunderstück literarischer Verführungskunst. Mitleid, das stärkste Gefühl menschlicher Solidarität, entsteht – und wird instrumentalisiert. So stark ist der Wunsch, Issa möge davonkommen, dass er sogar die Taktik des deutschen Geheimdienstes bestimmt. Zum Schluss arbeiten fast alle daran, das versehrte Kind zu retten – aus der Geschichte, aus der Politik, aus den Machinationen der Geheimdienste. Ein schöner Traum, was sonst? Le Carré hat ihn mit altersweiser Leichtigkeit arrangiert.

Übernächste Woche erscheint an dieser Stelle "Vom Stapel" von Ursula März

Kriminalroman