Es gibt in Buchläden einen Ort fern der Tellkamps und Eragons, im Sicherheitsabstand zum reclamgelben Goethe. Das Comicregal, brr, da schüttelt es immer noch manchen Literaturkenner. Etwas für Kinder, spotten die einen; aber nein, widersprechen die anderen und sagen: Graphic Novel. Ein Genre, das sich deutsch kaum übersetzen lässt, obwohl einige Deutsche es beherrschen. Arne Bellstorf ist einer der interessantesten. Seit ein paar Wochen sind die ersten Seiten seines neuen Comics zu sehen, auf der Homepage des Reprodukt-Verlags (www.reprodukt.com), Grund für einen Werkstattbesuch. Auf nach Hamburg-Eimsbüttel!

Am Balkon flattert eine Totenkopf-Flagge im nieselkalten Wind, dort, wo ehedem Kaufleute wohnten und jetzt die Studenten leben. Drei, vier, fünf Stufen hoch, Hausflur, Fahrräder, Kinderwagen, der Geruch von Bohnerwachs und Samstagssuppe. Im Türrahmen steht Arne Bellstorf und bittet herein, gekleidet in den Farben seiner Comicfiguren: schwarze Strickjacke, weißes Hemd, schwarze Hose. Ein junger, schmaler Mann, 29 Jahre, etwas schüchtern. Man sagt Künstler. Er sagt Zeichner. Das klingt bescheidener. Orchideen blühen auf der Kommode, wie ordentlich der Flur ist!

"Gehen wir ins Arbeitszimmer?"

Links ein Kiefernholzschreibtisch, rechts die Arbeitsplatte. Im nackten Glühbirnenlicht liegen sie, die Skizzen, flüchtig zu Papier geworfen, erst mit Bleistift, hernach mit schwarzem Fineliner. Seine Lohnarbeit. Einmal im Monat gestaltet er eine Seite für den Berliner Tagesspiegel, ihr Titel: Vom Leben gezeichnet. Den Inhalt bestimmt er selbst, lässt sich treiben durch eine Geschichte, von der er am Anfang oft nicht weiß, wohin sein Stift ihn führt. Dieses Mal suchen falbe Männchen einen Job, tragen Aktentaschen, Kassenbrillen und die Mundwinkel tief. Ihre Sprechblasen sind noch leer. "Die Typo kommt später", sagt Bellstorf. Diese Auftragsarbeiten sichern ihm die Miete, für die er sogar mal ein Schulbuch illustriert hat. Ethikunterricht. Fröhliche Bilder für lernbegierige Kinder, die fielen ihm nicht so leicht. Er zeichne sonst ja eher Alltagsgeschichten.

Alltägliche Geschichten, wie profan das klingt! Arne Bellstorfs Figuren ducken sich durch die Welt, wie man es Anfang zwanzig gerne tut, ohne Getöse, ganz still. Lakonische Versager, Neurosenkavaliere. Seine schwarz-weißen Miniaturen des Scheiterns sind keine Generationenporträts, aber irgendwie doch: In seinem ersten Buch acht, neun, zehn langweilt sich ein Zehntklässler in der provinziellen Reihenhausödnis, trifft ein Mädchen, küsst es und endet im Pubertäts-Ojemine.

"Freunde sind schon schockiert, wie depressiv und melancholisch alles in den Comics ist", sagt Bellstorf. Er hat es selbst erlebt. Kindheit auffm Dorf, bei Hitzacker bei Lüchow-Dannenberg bei Lüneburg, plattes Niedersachsen. Dort also. Sechziger-Jahre-Siedlung, hohe Hecken, eine Bushaltestelle. Isohaft zu Hause. Er war kein Außenseiter, sagt er, aber "auch kein Outdoorkind". Also zeichnete er Lustige Taschenbücher ab, Donald Duck, Mickey Maus, die Walt-Disney-Liebchen. Abpauschen, wie Kinder sagen. Später kamen die Simpsons, Hergés Tim und Struppi – die ligne claire, man sieht sie heute in Bellstorfs Strich.

Als Klassenkameraden den Herrn der Ringe lasen, verschlang er Peter Härtling und Rolf Dieter Brinkmann. Deutsche Problemliteratur. "Vielleicht sind die schuld an der Stimmung in den Comics." Hunderte Striche und Sprechblasen später zog er nach Hamburg, studierte angewandte Kunst. Wollte gar keine Comics zeichnen, sondern Grafiken, dann aber wieder Comics. Dort entstand auch sein erstes Buch. Auflage: 3000 Stück. Nun, das muss sich auch verkaufen.