Rückwärts betrachtet, scheint dieses Buch, in dem immerzu Blumen wachsen, auch in der Wirklichkeit seine Blüten getrieben zu haben. Kaum war es 1957 in Frankreich erschienen und erzählte die Geschichte eines kleinen Jungen, der alles Übel der Welt durch Abertausende von Blumen zu heilen versteht – da hielt schon im fernen China der Revolutionsführer Mao Tse-tung eine Rede wider die Unterdrückung der Freiheit und rief: "Lasst tausend Blumen blühen!" Kann das sein? Hatte er etwa Tistou mit den grünen Daumen gelesen, jenen Roman, den der Schriftsteller Maurice Druon, Träger des Prix Goncourt, für Kinder und Erwachsene in Europa verfasst hatte? Wohl kaum. Oder doch? Und dann die amerikanischen Blumenkinder des Protestes gegen den Krieg in Vietnam: Haben sie sich an Tistou ein Beispiel genommen, dem Sohn eines Waffenfabrikanten, der seine Fabrik auf Blumenwirtschaft umstellen musste, weil aus allen Kanonenläufen Blüten sprossen? Vielleicht schon eher. Die Flowerpower-Kinder sind in der Geschichte der Protestgenerationen nahe Verwandte jenes besonderen Jungen Tistou, der doch nur eine Erfindung ist. Nur? Tistou mit den märchenhaft grünen Daumen wirkt heute wie ein Vorbote für alles, was später, besonders in den achtziger Jahren, friedenspädagogisch wertvoll erschien: Grün siegt. Der Frieden ist grün.

Vor allzu wild entschlossenen Pädagogen sollte man Tistou aber in Sicherheit bringen. Denn von Anbeginn war dieser kleine Roman viel zu schön, um bloß für irgendwelche Zwecke nützlich zu sein. Er ist, dank der Zeichnungen von Jacqueline Duhème, von feingliedrigen Blütenformen durchzogen, die sich immer wieder zu Buchstaben umbilden, als gelte es auch, an das alte Buch der Natur zu erinnern. Und die Geschichte selbst wirkt, als sei sie den Widersprüchen der Epoche einfach mithilfe der Schönheit entsprungen, märchenhaft unbelastet. Sicher, das Buch steht in der französischen Tradition der Moralität von Fabeln, die den Herrschaften die wahren Machtverhältnisse erklären, aber es kommt nie so belehrend daher, wie etwa ein Erich Kästner die bürgerlich-bessere Moral seiner Geschichten unters Volk bringt. Druon will erzählen, als gelte es, einem Jahrhundert der Gewalt durch die Blume zu widersprechen.

Es sind die französischen fünfziger Jahre des Algerienkriegs, in denen Maurice Druon sein Kinderbuch darüber schreibt, wie leicht es sein kann, alles Elend der Welt abzustellen: Man braucht nur ein ganz besonderes Kind. In der wirklichen Welt ist da endlich der Zweite Weltkrieg vorbei, durch Waffengewalt nach sechsjähriger Dauer beendet, Gewalt kann also notwendig sein, Druon war ja sogar selbst im Londoner Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland aktiv. Als Tistou erscheint, tobt dafür in Algerien ein besonders grausamer Unabhängigkeitskrieg, noch für fast sechs weitere Jahre, bis die ehemalige französische Kolonie endlich frei ist. Die Mehrheit der Franzosen ist nun dafür, diese Gewalt zu beenden.

Zwischen unvermeidlicher und vermeidbarer Gewalt aber unterscheidet dieses Buch nicht. Jede Sorte Gewalt werden Tistous grüne Daumen zuwachsen lassen, aber auf die Blumensorte kommt es umso mehr an, ob nun Clematis, Rosen, Winden oder goldgelbe Butterblumen ans Werk gehen. Überhaupt sind Gut und Böse nicht säuberlich aufgeteilt, die Eltern etwa sind zwiespältige Figuren des Luxus, die es sich leisten können, zu lieben statt zu prügeln: "Monsieur Papa war ein gutherziger Mann. Er war gut, und er war Waffenfabrikant. Diese beiden Eigenschaften scheinen auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbar zu sein. Er liebte sein Kind und stellte Waffen her, mit denen man Kinder zu Waisenkindern machen kann. Solche Ungereimtheiten kommen häufiger vor, als man annimmt." Schön sind diese Eltern obendrein, reich sowieso und lernfähig.

Und im Zweifelsfall sind sie präsent. Hier weht also kein lindgrenhaftes Bullerbü-Lüftchen aus frisch gebackenen Zimtschnecken, hier glänzen Eltern nicht durch Abwesenheit wie in Milnes ewigem Pu dem Bären oder, ganz anders, in den Preußlerschen Räuberpistolen. Nur ist – statt der Eltern – der alte Gärtner für den Jungen Tistou die Autorität, auf die es ankommt. Eines Tags wird Tistou einfach gen Himmel klettern, auf einer selbst gepflanzten Leiter, und wenn dann in Blütenbuchstaben zu lesen sein wird, er sei ein Engel gewesen, kann das keiner mehr wörtlich nehmen. Ein Engel, der alles zum Blühen bringt! Aber sehr ernst und sehr leicht nimmt man es doch.

Tistous Autor Maurice Druon hat keine grünen Daumen gehabt, aber er hat der Wirklichkeit Literatur abgewonnen: Er hat seinen Vater, einen Künstler, durch dessen Selbstmord verloren, bevor er ihn kennenlernte, aber er hatte lauter Schriftsteller unter seinen Vorfahren, den Romancier Joseph Kessel etwa, den Onkel, mit dem er in den Widerstand nach London ging, den Poeten Charles Cros, einen Großonkel, und so lag ihm das Schreiben sehr nahe. Er selbst ist für zwei Jahre sogar Frankreichs Kulturminister geworden, ein Minister, der einen Kinderbuchklassiker schrieb, auch das fast zu schön, um einfach wahr zu sein. Und was noch erstaunlicher ist für einen Klassiker: Der Mann, 1918 geboren, lebt heute noch. Aber das tut Tistou ja auf seine Weise auch.

Illustration: Sabine Wilharm, Umschlagillustration "Tistou mit den grünen Daumen" erschienen in ZEIT-Edition "Fantastische Geschichten für junge Leser" 2008; Foto: M. Pelletier/Gamma/Eyedea/laif