Eltern können einem das Leben schwer machen, ohne es zu wollen. Ismaels Eltern beispielsweise sind eigentlich ausgesprochen nette Leute: der Vater Versicherungsvertreter mit Rockbandvergangenheit, die Mutter Stadträtin, entspanntes Erziehungsverhalten, viel Interesse an ihren beiden Kindern. Leider teilen Ron und Carol Leseur auch eine Begeisterung für Literatur und haben ihren Sohn deshalb Ismael genannt, nach der Haupt- und Erzählerfigur aus Herman Melvilles berühmtem Roman Moby Dick.

Ismael ist davon überzeugt, dass sein eigenartiger Name schuld ist an allen Widrigkeiten, die ihm begegnen: "Das Ismael-Leseur-Syndrom macht aus einer völlig normalen Person eine wandelnde Katastrophe, die auf der nach oben offenen Idioten-Skala mindestens den Wert neun Komma neun erreicht." Am meisten leidet Ismael unter den Quälereien seines Klassenkameraden Barry Bagsley, der keine größere Freude kennt, als Ismaels Namen zu verballhornen: "Ismael? Was ist das denn für ein scheißblöder Name?" Und schon wird aus Ismael "Pissmael", aus "Pissmael" "Küssmal", daraus wieder "Fischmehl". Auch für den Nachnamen findet Bagsley interessante Abwandlungen: "Schisseur", "Le Sau" oder, phonetisch etwas weniger überzeugend, "Stinkstiefel".

Michael Gerard Bauer, der australische Autor des außergewöhnlichen Jugendromans Nennt mich nicht Ismael!, hat viele Jahre als Englisch- und Wirtschaftslehrer gearbeitet und offenbar sehr genau beobachtet, was Schüler einander auch an angesehenen Schulen und in angenehmen sozialen Verhältnissen antun können. Er lässt Ismael aus der Ich-Perspektive berichten: darüber, wie er versucht, seinen Peinigern – natürlich hat Bagsley eine grölende Anhängerschaft – zu entgehen, wie er sich klein macht und anpasst, immer wieder ausweicht und den Mund hält. Dabei ist Ismael ein sympathischer 14-Jähriger, kein weinerliches Weichei, sondern ein witziger, selbstironischer Junge, der im Notfall (etwa als Bagsleys Gang auf dem Schulweg einen Grundschüler malträtiert) durchaus beherzt eingreift – wohl wissend, wie die kommenden Schulwochen daraufhin für ihn aussehen werden.

Warum beschwert sich Ismael nicht bei Eltern oder Lehrern? Es ist der alte, offenbar nicht auszurottende Ehrenkodex der Straße und des Schulhofs, der ihn hindert: Petzen gilt als Todsünde, Erwachsenenintervention als das Letzte, was hilft. Also braucht man Glück.

Neu in die neunte Klasse des St. Daniel’s Boys College kommt James Scobie, ein schmächtiger Junge mit allzu akkuratem Scheitel, der zunächst ein noch besseres Ziel für Barry Bagsleys "strebersuchende Raketen" abzugeben scheint als Ismael. Doch tatsächlich ist der kleine Scobie mit seinen merkwürdigen Gesichtszuckungen ein Superheld: ein sprachbegabtes, sarkastisches Wunderkind, das den Terrormitschüler Bagsley rhetorisch in seine Bestandteile zerlegt. Scobies Freundschaft und die Mitarbeit in einer von Scobie gegründeten Debattiermannschaft helfen Ismael dabei, seine Angst vor Bagsley zu überwinden: Und mit der Angst schwindet augenblicklich dessen Macht.

Mit umwerfender Komik schildert Bauer die Auseinandersetzungen in der Klasse und die verschiedenen Runden der Debattiermeisterschaft, an der die Anti-Bagsley-Mannschaft schließlich teilnimmt. Kaum vorstellbar, in einem deutschen Jugendbuch einen so herrlichen Sieg von Sprache über Gewalt zu finden. Susanne Gaschke