Das alte Leid. Da hat man alles getan, um das gute Kind und das gute Buch zueinanderzubringen. Hat Kosten nicht und Mühe nicht gespart, hat alles gekauft und im Kinderzimmer aufgehäuft, was Kultur, Bildung und Geschmack gebieten. Kant für Kinder, Mozart für Einsteiger, der Zauberberg für Aufsteiger, Kleist für Kleine, Heine für Halbwüchsige und sämtliche von Fachleuten empfohlenen, von kundigen Jurys prämierten Jugendbuch-Preziosen. Alles vergebens.

Die Pubertantin zieht es vor, sich ihre Nächte mit den Vampirgeschichten der jungen amerikanischen Bestsellerautorin Stephenie Meyer um die Ohren zu schlagen, mit Bis(s) zur Mittagsstunde und Bis(s) zum Abendrot, und morgens kreidebleich zur Schule zu wanken, weil sie schon wieder nicht gemerkt hat, dass es über den Küssen und Bissen der blutsaugenden Männlichkeit sechs Uhr morgens geworden ist.

Selbstversuch – die Mutter schafft die 862 Seiten in drei Tagen!

Es muss einmal gesagt sein: Zwischen den Büchern, die wir den Kindern ans Herz legen, mit Jugendbuchpreisen versehen, in Literaturrezensionen kunstvoll empfehlen, und den Büchern, die sie wirklich gerne lesen, gibt es so manches Mal ein schwarzes Loch, in dem unsere edelsten literaturpädagogischen Hoffnungen verschwinden. Drei jeweils über 700 Seiten starke Stephenie-Meyer-Bände über die unmögliche Liebe zwischen der schönen Bella und dem blutrünstigen Edward bewältigt die Pubertantin spielend in einer Woche, in der es ihr gleichzeitig vollkommen unmöglich war, dem brisanten Unterschied zwischen einer elektrischen Parallel- und einer Reihenschaltung auch nur drei Minuten kostbarer Jungmädchenzeit zu widmen. So geht es inzwischen sieben Millionen jungen Mädchen weltweit. Was tun?

Jetzt mal allen Mut zusammennehmen, die Kinderzimmertür öffnen, das Kind kurz um Unterbrechung der Lektüre des neuesten 860-Seiters von Stephenie Meyer anflehen und ein literaturpädagogisches Gespräch beginnen. Durchatmen. Was, liebes Kind, gefällt dir eigentlich so an den Büchern von Stephenie Meyer? Die coolen Vampire? Die Pubertantin erhebt immerhin den Blick vom Buch. Vampire, sagt die Pubertantin dann, seien ja eigentlich nicht cool, aber bei Stephenie Meyer seien sie eben doch cool. Außerdem ginge es ja um eine Riesenliebe, die sei hier ganz anders, als Liebe sonst sei. Das ist nicht wenig, aber ist das schon alles, was die Mädchen so süchtig macht? Die Pubertantin überlegt und sagt schließlich, dass die Bücher vor allem krass geschrieben seien.

Das mag zwar schon eine umfassende Literaturkritik des Meyerschen Œuvres sein. Was aber ist das Besondere an dem aktuell neuesten Band Seelen? Ihr gefalle besonders, sagt die Pubertantin da, wie die Meyer ihre Welt aufbaue. Das sei zwar total unrealistisch, aber doch richtig real. Eine Unterscheidung, für die in den Parallel- und Reihenschaltungen eines elterlichen Kopfes offenbar ein paar Verbindungskabel fehlen. Wie die Pubertantin das denn meine? Ja, das sei doch eine Hammeridee von der Meyer: Seelen besetzen die Menschheit und schaffen das Geld ab. Sie machen etwas Böses, um Gutes zu tun. Das findet die Pubertantin richtig cool. An dieser Stelle schlägt das literaturpädagogisch besorgte Mutterherz endlich ein wenig schneller. Vielleicht hat das Kind doch eine geheime Liebe zu radikalen Gesellschaftsutopien, vielleicht ist die Meyer ja nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zu Thomas Morus ? Vielleicht ist die ganze Meyerei am Ende gar nicht so schlimm?

Der zweite Schritt auf dem mühseligen Weg der literaturpädagogischen Betreuung einer von der Meyer-Sucht befallenen Schutzbefohlenen ist der Selbstversuch. 862 Seiten Seelen in drei Tagen, ein Tag unter dem Rekord der Pubertantin. Das Ergebnis versöhnt Mutter und Tochter wieder in alter Zweisamkeit. Beide finden die Meyer entschieden besser als die Rowling. Meyers Sätze, sagt die Tochter, seien einfach schöner, es drehe sich nicht alles nur um Action wie bei Harry Potter. Der Mutter gefällt, dass die Meyer-Welten und die darin handelnden Personen nicht wie bei Rowling so unerbittlich übersichtlich in Gut und Böse sortiert werden. Bei Meyer gibt es verworrene Gefühle, endlose Gespräche, bohrende Zweifel. Was kein Wunder ist. Die Meyer schreibt schließlich exklusiv für Mädchen zwischen zwölf und achtzehn.