Dies ist auch ein Büchlein über eine Nase. Und wie man sie trägt: neugierig, betrübt, gottergeben, hochnäsig, entspannt, verletzt, beleidigt, genussvoll, wutentbrannt und geschwollen. Es ist die Nase des Königs. Wolf Erlbruch, Illustrator der melancholischen Menschlichkeit, hat zu Geschichten des österreichischen Autors Heinz Janisch Königsbilder gezeichnet, die in ihrer Reduktion nur mehr aus Nase, Mund und Strichaugen bestehen.

Auf einer leeren Theaterbühne oder im Guckkasten eines Puppentheaters steht der König und befiehlt: dem Regen aufzuhören, der Trompete zu spielen, dem Hund zu kommen, den Wolken zu bleiben, doch keinen kümmert’s. "›Ich bin der König‹, sagte der König. Das Meer rauschte eine Antwort. ›Ich weiß‹, sagte der König. Er wurde still und nachdenklich. ›Ich weiß‹, murmelte er. Dann hörte er lange dem Rauschen zu."

Er hat die Hände in den Manteltaschen vergraben, er staunt eher, als dass er sich wundert, warum der Stern, die Biene, der Schatten, der Vogel, der Schmetterling ihn so wenig beachten. "Das Meer ist da, der Himmel, die Sonne – lauter Könige", stellt er am Ende zufrieden fest, springt ins Wasser und lässt seine Krone am Strand zurück.

Heinz Janischs "Kürzestgeschichten" erinnern manchmal allzu sehr an die Botschaft und die Philosophie von Antoine de Saint-Exupérys Kleinen Prinzen, doch Wolf Erlbruchs Illustrationen verhindern, dass sie zu betulich werden. Er beschränkt sich auf die Zutaten, die dem Wuppertaler Fundus entstammen: kariertes Papier, Schnittbogen, alte Stiche nach der Natur, angerissene und ausgeschnittene Figuren, denen er mit Farbstiften Leben und Mimik einzeichnet. Und immer häufiger werden seine grandiosen Bilder zum freien Spiel mit dem Weißraum, der zugleich Abstand wie Nähe bedeuten kann, Leere wie Geborgenheit.

Es ist ein weises, kleines Buch geworden, ohne die Größe von Ente, Tod und Tulpe aus dem Jahr 2007 zu erreichen. Dass die rote Nase des Königs der eines Clowns ähnelt, dürfte Kindern wie Erwachsenen ins Auge stechen. Das Kindliche im Erwachsenenblick Wolf Erlbruchs ist unübersehbar.

Unübersehbar indes ist auch Erlbruchs großformatiger Kinderzimmerkalender, längst ein Klassiker. In diesem Jahr erscheint er zum zehnten und leider letzten Mal. Sein Motto: das Glück, das Glück allein und das Glück zu zweit (siehe Abbildung links). Zwölf schwebend leichte Variationen eines schweren Themas – so feiert Erlbruch zum Abschied von seinem Kalenderwerk noch einmal ein zartes Fest des Lebens.Konrad Heidkamp

Heinz Janisch/Wolf Erlbruch (Ill.): Der König und das Meer