Kikis Papa ist kein "Zuhausebleiber", das hat Kikis Mutter gewusst, als sie ihn heiratete. Aber es ist trotzdem jedes Mal schwer für sie, wenn er seine Tasche packt, um sich als Arzt in irgendeinen Krieg irgendwo in der Welt aufzumachen. Auch Kiki findet das überhaupt nicht gut. "Aber mein Vater war Arzt, und im Krieg werden Ärzte gebraucht. Mein Vater fand es prima, gebraucht zu werden." Sie hat Angst um ihn, und ein bisschen ist sie ihm auch böse. Sein Lieblingsargument vom ängstlichen Mann, der immer zu Hause bleibt, bis eine Bombe auf sein Haus fällt, findet sie schlicht doof. In Kikis Fantasie gibt es jede Menge Gefahren: Malaria, ein Flugzeugabsturz oder eine verirrte Kugel. Die Mutter versucht sie zu trösten. "Die Wahrscheinlichkeit, dass du einen Vater hast, ist groß. Und die Wahrscheinlichkeit, dass du keinen Vater hast, ist klein." Ja, das versteht Kiki, sie kennt viele Kinder mit Vätern, aber nur Johnny hat einen toten Vater. Aber sie kennt drei Kinder mit einer toten Katze, zwei Kinder mit einem toten Hund und ein Kind mit einer toten Maus.

"Ich kannte niemanden mit einem toten Hund und einem toten Vater. Ein toter Hund und ein toter Vater kamen so gut wie gar nicht vor. Meine Mutter würde so etwas eine kleine Wahrscheinlichkeit nennen. Noch unwahrscheinlicher war jemand mit einer toten Maus, einem toten Hund und einem toten Vater." Mit kindlicher Logik beschließt Kiki die Sache in die Hand zu nehmen. Sie schafft sich eine Maus an und überlegt sich fünf Arten, eine Maus zu töten. Aber sie hat ihrer Maus einen Namen gegeben und ihrem Vater am Telefon von ihr erzählt. "Ich wusste inzwischen, dass Piep weiches Fell hatte und Pfoten mit rosafarbenen Kissen. Ich fing an, ihn ein wenig lieb zu haben. Und mein Vater wusste, dass es ihn gab." Also muss noch eine Maus her, eine kranke "misslungene" diesmal, die auch prompt stirbt, und Kiki schämt sich, dass sie froh darüber ist. Denn nun ist sie ein Mädchen mit einer toten Maus. "Ich hatte die Wahrscheinlichkeit etwas kleiner gemacht."

Doch dann wird der Vater vermisst, und ihre Mutter gesteht, dass sie Angst habe. "Sie durfte keine Angst haben. Ich musste Angst haben, und dann musste sie sagen, dass alles überhaupt gar nicht so schlimm war und dass ich mich nicht so anstellen sollte." Was wäre, wenn sie zu der toten Maus noch einen toten Hund hinzufügen würde? Da gibt es doch Mona, den alten Familienhund, den Kikis Mutter aus dem Tierheim gerettet hat und der an zwei Enden seufzen kann. "Die meisten Seufzer kamen aus ihrem Hintern. Sie ließ leise Stinkfürze." Kiki und Mona haben Glück, denn ein freundlicher Passant verhindert Schlimmes und erklärt Kiki, dass das mit den Wahrscheinlichkeiten nicht stimme und dass Kikis Vater ihre sinisteren Aktionen niemals gut gefunden hätte.

Kikis Vater überlebt, wenngleich durch eine Mine schwer verletzt, und Marjolijn Hof überlässt dem Leser die Entscheidung, ob er heldenhaft war oder doch eher egoistisch.

Obwohl es hier um existenzielle Fragen geht, um kindliche Ängste, ja um Leben und Tod, hat die niederländische Autorin keineswegs ein bedrückendes Buch geschrieben. Sie erzählt ihre Geschichte mit bewundernswerter Glaubwürdigkeit aus der Perspektive ihrer kleinen Heldin, und es ist ihr damit ein ungemein dichtes literarisches Kleinod gelungen, das seine Kraft und seinen Charme vor allem aus den unnachahmlichen Dialogen bezieht, die Meike Blatnik einfühlsam ins Deutsche übertragen hat.

"›Manchmal liege ich nachts wach und grüble‹, sagte er. ›Weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll.‹ – ›Wenn du am Grübeln bist‹, sagte ich, ›musst du küssenmüssenküssenmüssen sagen.‹ – ›Hilft das?‹ – ›Bei mir schon.‹ – ›Küssenmüssenküssenmüssen.‹ – ›Nicht so schnell‹, sagte ich. ›Und auch ein bisschen leiser.‹ – ›Küssenmüssenküssenmüssen‹, sagte mein Vater leise." Hilde Elisabeth Menzel