Alleinlebende Damen sind suspekt, insbesondere wenn sie wohlproportioniert, adrett gekleidet und noch nicht zu alt sind sowie besonders höflich: Verbergen sie etwas? Was treiben sie? Mit wem? Usw. usw., das sind so die Fragen, ja Träume der lieben Nachbarn und anderer Menschen, denen das eigene Leben für die Fantasie nicht genügend Auslauf gibt. Aus diesem Stoff ist viel zu machen. Im schlechtesten Fall führt es zu Hexenprozessen, im besten zu heiteren Bilderbüchern wie diesem.

Im Mittelpunkt steht Eleanor Marlowe. Silbergraues Kostümchen, die Haltung des Halses grazil, der Flaum um das Näschen ins Cremige verlaufend, eine Katzendame, wie sie im Buch steht, ja schon die erste Seite dieses Buches schmückt. Da steht sie, den Schlüssel in der Pfote, an der Schwelle ihres Hauses, unter dem Arm ein Bündel Blumen (sind es Löwenmäulchen?), in der zweiten Pfote eine Einkaufstasche mit Baguette (so lang? Für 1 Person??), und blickt zurück. Blickt mit dieser sanften Nachdrücklichkeit der Katzen in die Sträßlein einer Stadt hinunter, von der aus wiederum viele Augen auf ihr ruhen. Die eines Katers, der seine eleganten Stiefel auffordernd auf das Trittbrett seines Automobils gesetzt hat. Da hockt ein Typ, in Polizeiuniform, auf seinem dicken Motorrad. Ein Straßenmusikant. Marktfrauen, sie tun geschäftig, aber man weiß ja, wie das geht, blinzeln und zugleich spinxen…

Das Dekor hat den Charme des Ancien Régime und die Patina des längst Vergangenen. Fabriken dürfen hier noch aus hohen Schornsteinen schwarze Wolken an den Himmel zaubern, zierliche Gitter vor den Fenstern halten Diebe ab, schwere Schabracken das grelle Sonnenlicht von blumigen Tapeten. Das Verbrechen kommt leise. Mit Flüstern und Quieken. Trippeltrappeltrippel. Das sündige Geheimnis der Katzendame Marlowe zielt ins Herz jedweder Katzenmoral. Mrs. Marlowe, die übrigens Witwe ist, teilt ihr Heim vollkommen illegalerweise mit einer weitverzweigten Mäusesippe. Hier ist nicht weniger als eine Mäuse-Katzen-WG zu besichtigen! Eine rassenintegrative Vision, auf leichten Pfoten daherschleichend, lang erdacht, bevor Obama das Weiße Haus eroberte!

Die Idee für dieses Buch wurde in der Küche der Familie Asch in Vermont, USA, zusammengekocht. Vater Frank hat seit vierzig Jahren so ziemlich alles ausprobiert, womit man Kinder erfreuen kann – Bilderbücher, Jugendromane, Theatergruppen, Lyrik, Zeichentricks. Sein Sohn Devin Asch ist Fotograf und Illustrator. Beschwingt schlenkert der Text von Vater Frank in großen Bögen durch die Interieurs seines Sohnes, bei beiden sind wundervolle Dialoge, scharfe Pointen, herrliche Nebensächlichkeiten zu entdecken. Gestärkt mit Thunfischcrackern und Schweizer-Käse-Würfeln, schlittern Katzen und Mäuse alle miteinander in ein Abenteuer, bei dem der Schrecken den Beteiligten nur so in die zarten Knochen fährt.

Es geht natürlich um Leben und Tod. Und beinahe alles schief! Nicht mehr allerdings, als Kindern und auch den kleinsten Mäusen zuzumuten ist. Mrs. Eleonor Marlowe ist eben glücklicherweise ein ganz durchtriebenes Biest! Susanne Mayer

Frank Asch/Devin Asch (Ill.): Mrs. Marlowes Mäuse

Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart;