Wir lernen sogleich Iris und Martin kennen. Das Zwillingspaar, wohl an die dreizehn Jahre alt, sucht aufgeregt nach dem Falken, den der ferne, als Architekt in Dubai arbeitende Frankfurter Vater in ihre Obhut gegeben hat und der ihnen leider entwischt ist. Auf ihrer Suche geraten sie mit einem Mal und wundersamerweise auf eine Zeitreise. Plötzlich sind sie im Ägypten der Pharaonen. Dort begegnen sie einem hoheitsvollen Ibis, der sich Thot nennt. Er weiß alles, kann alles, nennt sich Erfinder der Schrift, nimmt alsbald seine Göttergestalt an – und lädt die beiden ein zu einer Reise durch die Architekturgeschichte.

Von der Cheopspyramide geht es in Götterwelten, in fremde Landschaften, zu fernen Bauwerken, die allesamt sehr berühmt sind. Thot-Bartetzko, der unermüdliche Vogelgott, lässt keine Gelegenheit aus, hinzuweisen, zu beschreiben, zu erinnern. Vom Nil geht es nach Babylon, auf die Akropolis, nach Rom, zur Hagia Sophia, in deutsche Dome, zu Würzburgs Residenz, in die Paulskirche, ins Große Schauspielhaus in Berlin, zum Dessauer Bauhaus und nach Nürnberg aufs Reichsparteitagsgelände – bis der Autor am Ende seinen ganzen Frankfurter Architekturkramladen der letzten zwei Jahrzehnte vor dem Zwillingspaar ausschüttet, auch dies und das aus der modischen Moderne in Graz, Wolfsburg, München, "Riesenamöben", Blasen und "Waschbetonklötze" oder das Maurische Haus – ah, sagt Iris, "Kairo in Frankfurt". Und nun hören sie nebenbei die Capri-Fischer und Eros Ramazotti, womit der Autor in seinem anderen Metier eingetroffen ist, der Unterhaltungsmusikkritik.

Natürlich war es für den Architekturredakteur der FAZ ein verlockender Einfall, junge Leute in das von den Schulen haarsträubend vernachlässigte Thema Architektur einzuführen. Und um sich selber nicht als nervtötender Belehrer unbeliebt zu machen, nimmt er die Gestalt des altägyptischen Mondgottes Thot an, einer allwissenden Plaudertasche, die andere Gottheiten zu Hilfe holt und vieles in mythologische, historische, geografische Geschichten verpackt. So geschieht es dann, dass das eigentliche Thema Gefahr läuft, beiseite zu rutschen.

Leider sind die visuellen Botschaften dieses schön gestalteten Buches dürftig – zwar artig gezeichnet, aber in seltsamer Auswahl und noch seltsamer miteinander in lokalen Szenerien gepaart: Wieso stehen Kölner Dom und Castel del Monte beieinander? Kaiserpfalz und Felsendom? Oder: Warum fehlt eine Abbildung der klassischen Säulentypen? Warum wird die erstaunlich präzise geschilderte Entstehungsgeschichte der Stalinallee in Berlin nicht mit einem halben Dutzend Abbildungen vor Augen geführt, um den politischen Sinneswandel in der wechselnden Architektur kenntlich zu machen?

Viele Worte, karge Bilder: Es wäre interessant, zu erfahren, wie viele Zwölfjährige und ältere Kinder bis zur Seite 527 bei der Stange bleiben. Manfred Sack

Dieter Bartetzko/Gottfried Müller (Ill.): Türme, Paläste und Kathedralen

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 527 S., 19,90 € (ab 12 Jahren)