Spricht einer von Anstand und Manieren, so hat sicher jeder eine Geschichte parat über die Jugend, die sich nicht mehr zu benehmen weiß, und schon erhebt sich der allgemeine Klagechor. Zu Recht? Sind es nicht eigentlich die Erwachsenen, über die zu klagen wäre, weil sie ihre Kinder eben gar nicht zu Höflichkeit und Rücksicht erzogen haben? Weil es ihnen zu anstrengend war, mit ohnehin aufsässigen Pubertierenden über etwas zu diskutieren, das mit Form und Haltung zu tun hat? Weil sie sich selber selten vorbildlich benehmen?

Wie man dieses Thema ganz anders, nicht aggressiv und besserwisserisch, sondern freundlich und gelassen zur Debatte stellen kann, zeigt der Band in der Reihe Die Kinder-Uni von Susanne Mutschler: Ritter durften noch rülpsen. Das ist, wie der Titel schon verrät, ein tiefer Blick in unsere Vergangenheit. Als Erstes zeigt er, dass sich die Umgangsformen immer mit den Zeiten wandeln, dass sich jede Generation im Auge der älteren "unmöglich" benimmt und jede jüngere die ältere als konservativ einstuft.

Und gerade da setzt die Autorin an und sammelt höchst bildhafte Indizien für die Regeln des Anstands von der Ritterzeit bis heute. Sie will damit im klassischen Sinne aufklären, Kinder und Erwachsene aus selbst verschuldeter Unwissenheit herausführen. Will ihnen erklären, warum man nicht rülpsen und öffentlich in der Nase bohren soll, warum so etwas wie eine Tischordnung entwickelt wurde, wieso man einst mit den Fingern aß, wie es zu welchen Kleidervorschriften kam und warum uns Haltung und Hygiene sinnvoll erscheinen.

Die Themen der acht Sachkapitel beschränken sich auf diese Ordnungsformen des Äußerlichen, auf Momente unserer Kulturgeschichte. Das geht nicht ohne Irrtümer und Verallgemeinerungen ab, wichtiger aber ist, dass all diese Beispiele die Kraft der Beharrlichkeit zeigen, die unseren Sitten innewohnt, die Neigung jeder Generation zum Konservativen. Denn konserviert, also ausgewählt und aufgehoben wurden die Verhaltensformen, die man weiter benutzen wollte. Das war manchmal gescheit, manchmal einfach gedankenlos, manchmal machtgesteuert. Wenn man nun die Vergangenheit und den Ursprung unserer Formen kennt, kann man sie beherrschen, kann Knicks und Bückling zum Abgelebten legen, kann vielleicht neue Formen für unsere Gesellschaft entwickeln, die durch Technik und elektronische Medien so anders ist. Und gewiss tut es gut, Kinder auf so amüsante Weise zum Nachdenken darüber zu reizen, woher unsere Manieren kommen und welche wir brauchen, um in Zukunft höflich, heiter und human miteinander umzugehen.

Das Spiel mit den historischen Zeiten und den verschiedenen Ansichten hat die Autorin sieben Personen übertragen, die zu kritischen Fragen unumwunden in der Korrespondenz mit Karla, der Hauptperson, das Ihre sagen: der Großmutter, der älteren Schwester, die gerade Au-pair in Australien ist, dem Patenonkel, der in Brüssel arbeitet, zwei Freundinnen aus den Nachbardörfern und natürlich einem Jungen: Fred aus der Parallelklasse. Das ist ein amüsanter Chor der Gegenwart, dem man sich vermutlich gern als Achter oder Achte beigesellt. Und da Klaus Ensikat mit bewundernswerter Kenntnis des Historischen und Witz der Zeichnung illustriert, wird das Ganze zu einem Genuss und Vergnügen ab acht Jahren.

Wer der begreiflichen Ansicht ist, über Fairness und Benehmen sollte man schon viel früher sprechen: das Pixi-Büchlein des gleichnamigen Titels kann man in die Jeanstasche stecken und seinen Freunden die Rätsel und Quizfragen stellen, die samt kurzen Sachtexten und einem Minilexikon Wissen – einfach gut erklärt bieten. Nur: Der freie Herr Knigge hat kein Benimmbuch geschrieben und erst recht nicht "das erste". Aber wer die zahlreichen Verlockungen zum Weiterlesen und -denken befolgt, kommt wohl von allein darauf. Sybil Gräfin Schönfeldt