Was gibt es Schöneres, als in einer Sommerwiese an einem Berghang auf einem sonnenwarmen flachen Stein zu sitzen und auf eine hügelige Landschaft zu schauen? Neben uns zirpt es im Gräserdschungel, über uns tiriliert die Gemeine Haubenlerche, und unter uns arbeitet die rote Waldameise. Ziemlich viele impressionsschwangere erste Eindrücke, aber bei weitem nicht so viele, wie es fantastische Geschichten zu entdecken gibt im neuen übergroßen Bilderbuch des Pettersson- und Kuh-Muh-Schöpfers Sven Nordqvist.

Natürlich gibt es Schöneres. Allein das Wölkchenhimmelszelt auf dem Titelbild des gewaltigen Buches Wo ist meine Schwester? zu betrachten macht klar: Noch schöner, als in der Wiese zu sitzen, ist es, im Korb eines riesigen Birnenballons über der Landschaft zu schweben und all das Bunte zu Wasser, zu Lande und zur Luft von oben zu bewundern.

Dann aber entdeckt man im Korb dieses Luftschiffs den kleinen Feldmäuserich mit dem blonden Haarschopf. Angestrengt guckt er auf die zauberhafte Erde unter ihm. Allerdings hat der Kleine kein Auge für die Schönheiten oder gar für die zahllosen wundersamen Dinge. Er sucht seine kleine Schwester. "Dauernd ist sie weg", beklagt er sich beim alten Mäuserich, der neben ihm im Korb sitzt, "immer muss man sie suchen, hier und da und rauf und runter und überall."

Ganz aufgeregt erzählt er von den traumverlorenen Entdeckungsreisen seiner Schwester, und sein Blick geht – wie der unsere – hierhin und dorthin und rauf und runter und nach Überall. "Sie sagt, sie will zwischen den Wolken fliegen, ganz hoch oben wie die Möwen." Manchmal will sie auch in einem hohen Haus in einer großen Stadt wohnen und von dort oben "auf all die Tanten und Onkel, die unten herumstehen und nichts kapieren, Birnenbutzen und Tannenzapfen werfen". (Ein sehr verständlicher Wunsch!)

Der Mäusejunge quasselt also, der Großvater hört zu, sondiert die Lage in aller Ruhe, wirft gelegentlich Ballast ab, und wir Zuschauer können – wie so oft in den Büchern des schwedischen Erzählers – eintreten in den Nordqvist-Kosmos, der uns in seiner Vielfalt schier unendlich erscheint.

Und diesmal sprengt er tatsächlich alle Fantasien: Elche auf Sofas, Mönche und adlige Riesen, Nashörner in Rüstungen und Ritter auf Schnecken, ein surreales Panoptikum, das Alice mit Escher kombiniert. Es ist, als hätte Sven Nordqvist seine Träume befreit.