Bilderbücher heißen so, weil hier die Bilder eine Geschichte erzählen sollen, nicht der Text. Denn die Kleinen sind ja in derselben Lage wie früher die meisten Menschen, denen die Wandgemälde und Altarbilder in den Kirchen eine Geschichte erzählten, die sie selber nicht lesen konnten. Dieses Bilderbuch Gut gebrüllt, Lilli! spielt natürlich nicht in der alten Zeit, als man sich noch Schritt für Schritt voranbewegte, sondern in unserer schnellen, schrillen und besonders lauten Gegenwart. Vor allem für Lilli, den kleinen Hund, ist sie viel zu laut, denn Lilli ist derart schreckhaft, dass sie nicht mal bellen will, weil sie sich vor ihrem eigenen Bellen fürchtet.

Einmal, als Lilli allein zu Hause ist, gibt es einen furchtbaren Lärm, und sie erschrickt so heftig, dass sie aus dem Fenster springt. Und nun sehen wir einen ganzen Großstadtfilm: unten vorm Haus den Mann mit dem Pressluftbohrer und dann Lilli quer über die Kreuzung schießen, sodass ein Radfahrer über den Lenker fliegt, ein Auto so heftig bremst, dass der Hintermann auf ihn draufbrummt, und dann Lilli hinüber ins Straßencafé rasen, dem Kellner zwischen die Beine, sodass der Rotwein vom Tablett kippt. Unterdessen hat ein Dieb den Juwelierladen ausgeraubt und flüchtet nach hinten weg, während vorne rechts die Polizei mit Blaulicht im Stau steht. Gleichzeitig hat ein kleiner Junge seinen Luftballon losgelassen und brüllt ihm hinterher, was die Katze, die oben im Baum sitzt, zu begeistern scheint, denn gleich wird sie den Ballon, der die Form eines Hasen hat, zwischen die Pfoten kriegen. Über ihr ist ein Amselnest mit drei Jungen, und Mutter Amsel hofft dringend, dass der Ballon die Katze auf andere Ideen bringt. Wir wollen jetzt die anderen Bilder nicht auch noch erzählen, denn Lilli erlebt ein paar schreckliche und komische Dinge, aber am Ende wird alles gut.

Die Künstlerin Claudia de Weck hat schon Dutzende von wunderbaren Büchern gezeichnet, aber dieses ist ein Höhepunkt, denn es gelingt ihr, in die Szenen so viel Bewegung hineinzubringen, dass sie wie ein Film wirken. Ihre Bilder haben den Witz der Karikatur und zugleich die Anmut der Poesie. Wer noch nicht lesen kann, wird sie oft betrachten und immer Neues entdecken. Ulrich Greiner

Claudia de Weck: Gut gebrüllt, Lilli!

Atlantis/Orell Füssli, Zürich 2008; 32 S., 13,90 € (ab 5 J.)