Wer heute von einer dreimonatigen Weltumsegelung nach Hause kommt, wird dieses Land nicht wiedererkennen. Niemand hätte vor 90 Tagen gedacht, dass die Regierung mit einer Milliardenbürgschaft deutsche Banken retten muss. Keiner konnte sich vorstellen, dass Opel im Kanzleramt um Hilfe bettelt. Unmöglich schien, dass die wichtigsten Ökonomen des Landes – die fünf Wirtschaftsweisen, die 30 Jahre lang das Sparen predigten –, den Staat zum Geldausgeben drängen. Doch all das ist passiert, und es hat mit der zugespitzten Lage zu tun. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs befindet sich die Weltwirtschaft insgesamt im Abschwung. Rund um den Globus stemmen sich die Staaten gegen die Rezession. Nur in Deutschland klaffen Worte und Taten seltsam auseinander.

Es ist ja nicht so, dass die Regierung das Ausmaß der Krise nicht sehen würde. Alle Kabinettsmitglieder wählen dramatische Worte, die Kanzlerin selbst spricht von "der größten wirtschaftlichen Herausforderung seit Jahrzehnten". Umso kümmerlicher wirkt ihr Tun. Nur zum Vergleich: Im Herbst 2005 verabschiedete die frisch gewählte Große Koalition ein 25-Milliarden-Euro-Paket, mit dem die Wirtschaft in Schwung kommen sollte. Damals ging es darum, der sich erholenden Konjunktur den entscheidenden Schwung zu verpassen – was auch gelang. Nun, im Herbst 2008, da eine dicke Rezession droht, gibt der Bund gerade mal zehn Milliarden Euro aus – gestreckt über mehrere Jahre. Das macht dieses Konjunkturpäckchen so peinlich. Es hilft auch nichts, wenn die Regierung aufzählt, was sie davor schon getan hat. Das nämlich steckt in den düsteren Prognosen für 2009 bereits drin.

Und da ist noch eine Schere in der Regierungsrhetorik. In nahezu jeder Rede, jedem Interview erörtern Angela Merkel und Peer Steinbrück die möglichen Folgen einer Rezession für die Demokratie im Land. Tatsächlich bergen tiefe Wirtschaftskrisen die Gefahr der politischen Radikalisierung nach links wie rechts. So weit ist es beileibe nicht, die Bürger reagieren sehr besonnen. Sie haben nicht die Bankschalter gestürmt, als immer mehr Institute in Schwierigkeiten kamen. Sie entscheiden sich auch nicht für extreme Parteien. Die große Frage aber ist: Wenn die Regierung selbst eine Rezession als Gefahr für die Demokratie sieht, warum ist sie so zögerlich, diese Rezession zu mildern?

Bei der Bewältigung der Bankenkrise hat man schnell und pragmatisch gehandelt. Binnen einer Woche wurde das Rettungspaket für die Finanzindustrie aus dem Boden gestampft. Der Zeitdruck war enorm, die Reaktion enorm gut. Bei der Rettung der Konjunktur aber hätte es diesen Zeitdruck gar nicht geben müssen. Schon seit dem Frühsommer dieses Jahres schrumpft die deutsche Wirtschaft. Doch die Regierung hat es versäumt, die Bürger finanziell zu entlasten, als diese unter den hohen Öl- und Benzinpreisen ächzten und der teure Euro den Exportfirmen die Bilanz verhagelte.

Im Unterschied zu allen vorangegangenen Abschwüngen kann Deutschland diesmal nicht darauf bauen, dass wenigstens die Exporte bald wieder wachsen. Im Gegenteil: Weil weltweit die Märkte einbrechen, zieht es die exportabhängige deutsche Wirtschaft ganz besonders nach unten. Das ist so außergewöhnlich, dass die Wirtschaftsweisen die Regierung erstmals explizit auffordern, die Binnennachfrage zu stärken – mit einem großen Konjunkturprogramm.

In den Siebzigern konnten solche Programme nichts ausrichten. Damals bewirkte die Ölkrise, dass die Firmen ihre Produktion drosselten, also das Angebot verknappten. Jeder Versuch, die Nachfrage zu stärken, musste zwangsläufig verpuffen. Diesmal aber leiden die Volkswirtschaften weltweit, weil rund um den Globus die Nachfrage eingebrochen ist. Den Binnenkonsum zu stärken ist deshalb für alle Länder so wichtig. Hinzu kommt: Erstmals in einer Rezession ist der Bundeshaushalt nahezu ausgeglichen. Deutschland kann auch ein großes Konjunkturprogramm über neue Schulden finanzieren – das bestätigt selbst die Europäische Kommission.

Man könnte also die Mehrwertsteuer befristet um einen Prozentpunkt senken, wie es die Brüsseler Ökonomen der ideologisch unverdächtigen Denkfabrik Bruegel fordern. Noch besser wäre es, die Regierung würde Barschecks verschicken. Weil das Geld gerade Haushalten mit geringen und mittleren Einkommen zugute käme, würde das den Konsum sofort beflügeln.